BIS DANN, MEIN SOHN

Mehr als das Leben selbst Chinesisches Gesellschaftsdrama und Berlinale-Preisträger

Zu den Kollateralschäden des durch unser aller Leben vagabundierenden Corona Virus gehört auch die zeitweilige Schließung der Kinohäuser. In diesen Tagen gibt es nun endlich die Chance, den mit über zwanzig Preisen ausgezeichneten chinesischen Film BIS DANN, MEIN SOHN zu Hause zu erleben.

Und gerade, weil China derzeit besonders im Fokus der weltweiten Aufmerksamkeit steht, bietet dieser künstlerisch herausragende Film einen intimen Blick in das Alltagsleben der Volksrepublik. Eines der schönsten Geschenke, die das Kino machen kann, ist die Möglichkeit, in ferne Kulturen und in fremde Leben einzutauchen und sich dort  dazugehörig zu fühlen. BIS DANN, MEIN SOHN ist dafür der perfekte Film - er lässt uns in drei Stunden ausreichend Zeit zum Einfühlen in das Schicksal des Ehepaars Liu Yaojun und Wang Liyun, ihrer Familie und Freunde. Sie erleben und erleiden den wechselvollen  Gang durch die Geschichte der letzten 30 Jahre -  vom Wahnwitz der Kulturrevolution bis zum gnadenlosen chinesischen Turbokapitalismus der Jetztzeit. Regisseur Wang Xiaoshuai (er ist auch der Co-Autor) geht diese enorme erzählerische Tour bemerkenswert unideologisch an. Keine Polemik oder Propaganda beschädigen die Aufrichtigkeit seines Films. Philipp Teubner hatte Gelegenheit, für das Heidekrautjournal mit dem Regisseur zu sprechen und fragte ihn nach seinen Intentionen. 

Wang Xiaoshuai: „Was wir mit dem Film zeigen wollten, war der Wandel, all diese Veränderungen, die sich während der letzten Dekaden in China vollzogen haben und was das für die Leute auf einer ganz persönlichen Ebene bedeutet. Denn natürlich sind es Menschen, die weiterleben, auch nach all diesen dramatischen Ereignissen im Film. Deshalb sehen wir dies auch weniger als einen Film, wir sehen es mehr als das Leben selbst.“ 

Irgendwie erinnert dieser Film an die reifen Werke des italienischen Neorealismus der Nachkriegszeit und an deren soziale Konkretheit, die nicht von dramaturgischen Finessen forciert wurden. Sie versuchten, der Lebenswirklichkeit so nahe wie möglich zu kommen, ohne die Ereignisse zu deuten und zu manipulieren, und profitierten so von der größeren Kraft der Wahrhaftigkeit. 

Wang Xiaoshuai: „Wenn du eine Geschichte wie diese erzählst und absolut klarmachen willst, zu welchem Zeitpunkt jeweils etwas geschieht, macht das sehr viel Arbeit. Von den historischen Abfolgen, über die Entwicklung der Figuren sollte ein Spannungsbogen entstehen, als geschehe alles an einem einzigen Tag.“ 
 

Der Regisseur hat für diesen Kraftakt wunderbare Schauspieler gefunden. Wang Jingchun spielt den Ehemann Yaojun und Yong Mei seine Frau Liyun. Beide wurden für ihre Interpretation dieser Rollen sehr zu Recht bei der Berlinale 2019 mit den Silbernen Bären als beste Darsteller geehrt. 

In seinem Film verwebt der Regisseur Wang Xiaoshuai Privates und Politisches. Subtil begleitet er die Schicksale zweier Familien von den 80er Jahren bis in die Gegenwart. Das eine Ehepaar ist wegen der Ein-Kind-Politik gezwungen, eine zweite Schwangerschaft zu unterbrechen. Ausgerechnet die Freundin weist als zuständige Direktorin für Familienplanung diese Abtreibung an. Dafür bekommt das Paar zynischer Weise  im Betrieb eine Auszeichnung.  Später ertrinkt dann der einzige Sohn beim Baden in einem Staubecken. Er spielte zusammen mit dem Sohn der befreundeten Familie, was für alle Schuldgefühle und Verdächtigungen zur Folge hat. Yaojun und Liyun verlassen die Stadt.  Sie werden schließlich einen anderen Jungen adoptieren, der den Platz ihres toten Sohnes einnehmen soll,  und nach Jahren an den Unglücksort und zu den früheren Freunden zurückkehren, um mit der furchtbaren Vergangenheit zu schließen. 

Wang Xiaoshuai: "Es war mir bewusst, dass da eine sehr ambitionierte Zeitspanne abzudecken ist. Das war mir mit dem Beginn der Filmarbeiten klar - auch, dass es für das gesamte Team schwierig werden wird. Als wir das Drehbuch vorbereiteten, versuchte ich einige der zentralen Momente und Konflikte der Familien im Film zu definieren. Und das machte es dann leichter, wenn ich spätere Teile der Geschichte zu erzählen hatte. Und ich denke, wenn man das Resultat sieht, ist uns das gelungen.“ 

Der Regisseur erzählt seine Geschichte unaufgeregt in gelassener Gangart. Allerdings mit geschickten Rückblenden und Zeitverschiebungen, die das über der Geschichte liegende Geheimnis nur allmählich offenbaren, was wiederum zur Spannung der Story beiträgt (und hier natürlich nicht enthüllt werden kann). Langsame und sehr präzise Schwenks über die Szenen, die uns Zeit lassen, scheinbar unwesentliche Dinge wahrzunehmen und ihren Stellenwert zu entdecken. Hier ist unbedingt noch der Kameramann zu erwähnen: es ist der Süd-Koreaner Kim Hyun Seok, und wie man spätestens seit dem großartigen Spielfilm „Parasite“ weiß, ist Süd-Korea ohnehin eines der aktuell interessantesten Kinoländer. Bild: pifflmedien Für mich ist BIS DANN, MEIN SOHN ein Highlight des Filmjahres 2019, das bis heute nachwirkt. Jetzt gibt es endlich die Möglichkeit den Film auch zuhause (auf DVD und Stream) zu erleben. 

Philipp Teubner 

Weitere Infos zum Film und zur DVD unter www.pifflmedien.shop/p/bis-dann-mein-sohn