Chruschtschow wechselt den Kurs

Angekündigt in der Ausgabe September 2020: Renate Parschau mit einer Leseprobe aus Ihrem Buch „Dill wächst wo er will“

Nie hatten Sprach-Brocken eine solche Aufmerksamkeit erhalten wie jenes geradebrechte „Ich bin ein Börrlinörr!“ vor dem Schöneberger Rathaus, das  John F. Kennedy am 26. Juni 1963 in ein Westberliner Mikrifon röhrte. Das konnte Chruschtschow nicht unerwidert lassen und lud sich kurzerhand zum 70. Geburtstag Walter Ulbrichts für den 30.Juni ein, um diesem demonstrativ den Rücken zu stärken. Die Ost-Berliner waren es gewohnt, an die Strecke geschickt zu werden, um Staatsoberhäuptern der sozialistischen Bruderländer zuzujubeln. Die Begeisterung hielt sich wohl in Grenzen, es gab Lücken in den Jubelreihen und so wurde schnell beschlossen, dass Chruschtschow auf dem Weg ins Petrolchemische Kombinat Schwedt durch Eberswalde fahren würde. Wir waren aufgeregt, als stünden mitten im Sommer gleichzeitig Weihnachten und Ostern bevor. Chruschtschow reiste durch Eberswalde! Nikita Chruschtschow, der nach Stalin größte Führer der großen Sozialistischen Sowjetunion! Das gab es bisher noch nie in der Geschichte!  Wir schmückten unsere Schule mit Fahnen und selbstgenähten Wimpelketten. Stoff- und Papierreste wurden in korrekte Dreiecke geschnitten, an einer Seite gefaltet und auf Schnüre gezogen. An allen Fenstern der Schule hingen diese Schmuckstücke – natürlich auch an den Klassenfenstern zur Schulhofseite, schließlich waren das keine Patjomkinschen Dörfer sondern echte Wimpel, selbstgeschnitten und genäht. Aus Freude über den bevorstehenden Besuch wurden auch die Klassenräume und Flure der Schule gründlich gesäubert. Dabei hieß es nur, dass der hohe Gast durch die Stadt fahren sollte. Weder ein Halt noch eine Kundgebung waren in Eberswalde vorgesehen. Trotzdem waren wir von einer riesengroßen Begeisterung erfasst. Alles sollte herausgeputzt sein. Und war es auch, nachdem wir bis zur letzten Minute geschuftet hatten. Gegen 14 Uhr sollte es soweit sein, lange nach Schulschluss harrten wir vor unserer geschmückten Schule aus. Voller Erwartung, wie dem volkstümlichen, wenn auch kauzigen Glatzkopf wohl unsere geschmückte Schule gefallen würde, die er leider nur aus der - hoffentlich offenen! - Limousine  und nicht während eines persönlichen Besuchs sehen würde.  Irgendwann gegen Mittag erreichte uns die wohl nach dem Tod von Wilhelm Pieck traurigste Nachricht:

Nikita Sergejewitsch Chruschtschow wird nicht durch Eberswalde sondern über die Autobahn nach Schwedt fahren. So niedergeschlagen war unsere Klasse seit langem nicht. Wir hatten nun eine saubere und geschmückte Schule – aber wozu, wenn sie vom Hauptakteur, dem sowjetischen Partei- und Regierungschef nicht einmal aus den Augenwinkeln gesehen wurde?

Zwei Tage später gratulierte er jedenfalls Walter Ulbricht zu seinem 70. Geburtstag, adelte ihn mit dem Leninorden zu einem Helden der Sowjetunion, schenkte ihm eine neue Luxuslimousine und lobte ihn überschwänglich:
„Sie halten eine wichtige Stellung in der vordersten Front des Kampfes gegen die Imperialisten. Die Gegner üben einen starken Druck gegen die DDR aus. Aber seien Sie sich dessen bewusst, dass in der zweiten Linie wir stehen. Sie haben also ein gutes Hinterland. Die weittragende Artillerie ist aufgefahren!“ 

Eine wahrlich martialische Antwort auf die Rede Kennedys und ganz starker Tobak.
Was sind dagegen schon Fähnchen und ein paar Wimpelketten?

„Christus kam nur bis Eboli“ hieß der Titel des Filmes  mit Irene Papas. Aber immerhin. Nikita Chruschtschow kam nicht einmal nach Eberswalde!  Im Nachhinein betrachtet ist es kaum vorstellbar, welchen Weg der hohe Gast hatte nehmen wollen, um vom Gästehaus der Regierung in Pankow nach Schwedt zu fahren. Sollte der erste Mann der sozialistischen Welt wirklich über Werneuchen, Heckelberg und die anderen Dörfer über die Tramper Chaussee an der Bruno-H.-Bürgel-Schule vorbei auf die Straße der Jugend fahren, um dann über die Wassertorbrücke an Kloster Chorin, Serwest und Brodowin vorbei und über  Angermünde nach Schwedt zu zotteln? 
Wohl kaum. Aber wir haben einfach daran geglaubt und uns gefreut. Umsonst, wie sich herausstellte. 

Aus dem Buch: „Dill wächst wo er will“
Erhältlich in der Buchhandlung Wandlitz