CURVEBALL - WIR MACHEN DIE WAHRHEIT

Polit-Thriller sind oft düster und fordernd. Jetzt kommt aber mit CURVEBALL ein überraschend unterhaltsames Beispiel dieses Genres aus deutscher Produktion. Über ein Jahr nach seiner Weltpremiere auf der Berlinale 2020 startet im April Johannes Nabers Film endlich in den Kinos. Philipp Teubner sprach exklusiv  mit Hauptdarsteller Sebastian Blomberg.

Der Film beginnt mit einer heutzutage geläufigen Kino-Vorbemerkung: „Eine wahre Geschichte“ - und mit dem eher unüblichen Zusatz: „Leider“. Der Kommentar kommt sofort zur Sache: „Was ist Wahrheit...“

Und was ist eigentlich ein CURVEBALL?  So ein Curveball ist ein trickreicher Baseballschlag, der wegen unberechenbarer Kurven die gegnerischen Spieler verwirren soll.

Die wahre Filmstory erzählt vom ebenso naiven wie cleveren Trick des irakischen Asylbewerbers Rafid Alwan, der 1999 versucht, mit einer zeitgemäßen Schwindelei schneller Asyl in Deutschland zu erlangen.

Da passt es, dass der Ingenieur Ideen zu einer derzeit besonders heißen Geheimdienstfrage hat: Besitzt Diktator Saddam Hussein biologische oder chemische Waffen? Fortan wird Rafid vom BND persönlich betreut. Der Bundesnachrichtendienst sieht in Rafids Geschichte endlich einen Trumpf gegen das amerikanische-britische Geheimdienstmonopol. Wir wissen endlich was, was ihr nicht wisst und wir haben sogar den Beweis! Der ist allerdings nur eine reichlich primitive Skizze des Irakers, die zeigen soll, dass die gefährliche Waffenfabrikation bisher nur deswegen nicht aufgestöbert werden konnte, weil sie mobil funktioniert. Das heißt, Saddams Giftköche waren mit Labor-Trucks schon längst wieder unterwegs, wenn die internationalen Kontrolleure auftauchten. 

Betreut wird der hoffnungsvolle Lügner aus dem Irak vom BND-Biowaffenexperten Dr. Wolf - vorzüglich gespielt von Sebastian Blomberg (u.a. „Zeit der Kannibalen“, 2014): 

„Ihm ging es nicht anders, als den anderen Wissenschaftlern und UNO-Kontrolleuren, die in den 90ern gesucht, aber nie den Beleg für die Produktionsanlagen der Massenvernichtungswaffen gefunden haben. Insofern ist er ein in dieser Idee gefangener, obsessiver, verbissener Sucher nach der „Wahrheit“. Auf der anderen Seite, ich würde sagen, ist er von einer fast altmodischen Reinheit und Naivität, wie mit Wahrheit umzugehen sei, und worin seine Verantwortung liegt. Er hat ja dieses politische Spiel der Geheimdienste, obwohl er dort angestellt ist, überhaupt nicht durchschaut.“

Regisseur Johannes Naber (u.a. „Das kalte Herz“, 2016) und sein Hauptdarsteller haben raffiniert die recherchierten Tatsachen in einen spannenden Polit-Thriller verwandelt. Turbulente Verfolgungsjagden, ein Quantum Sex und eine aus fachlicher Anmaßung resultierende Situationskomik lassen den Zuschauer diesen unvorstellbaren Fakten leichter folgen. Denn Rafids simple Skizze, einmal in den Händen des CIA, wird via Computer zu einem ansehnlichen und einleuchtenden Bild veredelt. Die Folgen sind evident. Der Bush-Administration genügte dieser „Beweis“, um die Irak-Invasion mit all ihren Folgen vom Zaun zu brechen. Man erinnert sich an die verhängnisvolle Rede Colin Powells 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat, die von Wolfs CIA-Kollegin im Film so kommentiert wird: „We make the facts“.

Sebastian Blomberg:
“In diesem Fall ist die Auseinandersetzung mit der Wahrheit wie eine unheilverkündende Vorahnung auf das, was wir heute haben, auf die Situation, in der wir heute sind. Ich habe immer gefunden, dass es schon schräg ist, wie in dieser Zeit die Munition für das Trump-Lager gesammelt wurde, für die Rechten, von der Trump und seine Trolle leben. Die Verschwörungstheorien vom „Deep State“ und weiß der Teufel was noch, haben da ihre Ursprünge obwohl diese zweifelhafte Geschichte der Geheimdienste ja älter ist als der Irak-Krieg. Aber es ist ein besonders perfides Beispiel, weil dieser Krieg natürlich ein Alptraum war.“

Blombergs Dr. Wolf jagt verzweifelt einer Wahrheit nach, die sich am Ende als Chimäre heraus


stellt. Aber da hat man ihn bereits aus dem Spiel genommen und die offensichtliche, aber sehr praktikable Lüge zur Angriffswaffe umfunktioniert.

Sebastian Blomberg:
„Er realisiert zu spät, dass er sich in etwas verrannt hat, das nicht wahr sein kann. Im Moment, als er es realisiert, wird er zerquetscht zwischen diesen Schwergewichten der Politik, die ihr eigenes Spiel spielen.“

Bleibt noch die Frage, ob die Filmemacher bei ihren Recherchen auch Kontakt mit dem echten „Dr. Wolf“ hatten? 

Sebastian Blomberg:
„Ich habe sehr früh die Entscheidung getroffen: wir müssen unser eigenes Ding machen. An die Geheimdienstquelle bin ich nicht herangekommen, an die Figur, die für den Wolf Vorbild gestanden hat... Das hat aber, glaub ich, damit zu tun, dass das bis heute eine Verschlusssache ist, und dass der nicht reden darf. Die Möglichkeit hätte es nicht gegeben, insofern gibt es da immer noch einen Bereich der Spekulation.“

Als der Film im Februar 2020 seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte, ahnte man noch nicht, wie übermächtig das Thema Wahrheit im Corona-Jahr werden würde. Von Donald Trumps tagtäglichen Lügen-Stakkato einmal abgesehen, machte sich auch bei uns der stumpfsinnigste Schwachsinn hemmungslos als selbsternannte „Querdenker-Ideologie“ lauthals öffentlich. 

Dies alles lässt einen den Film CURVEBALL noch einmal frisch und viel wachsamer erleben.  

-Philipp Teubner

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