DER RAUSCH

Neuer Film von Thomas Vinterberg   (Kinostart 25.3.21)

Zitat: »Aber ich glaubte, du seist ein Freund König Alkohols«, warf Charmian (Jack Londons Gattin) ein. »Das bin ich. Ich war es. Ich bin es nicht. Ich war es nie. Nie bin ich weniger sein Freund, als wenn wir beisammensitzen und anscheinend die besten Freunde sind. Er ist der König der Lügner. Keiner sagt die Wahrheit so offen wie er. Er ist der erhabenste Begleiter; mit ihm wandert man wie mit Göttern. Sein Weg führt zur nackten Wahrheit und zum Tode. Er schenkt klare Gesichte und trübe Träume. Er ist der Feind des Lebens und der Lehrer der Weisheit jenseits der Weisheit des Lebens. Er ist ein blutiger Mörder, und er tötet die Jugend.« 
Das dänische Kino ist, es dürfte sich längst herumgesprochen haben, eine der derzeit interessantesten Kinematographien weltweit. Und der Schauspieler Mads Mikkelsen ist fast so etwas wie das Gesicht dieses Kinos. Seit er uns in Filmen wie DÄNISCHE DELIKATESSEN (2003) oder ADAMS ÄPFEL (2005) ein wenig irritierend seinen sehr speziellen Darstellertyp präsentierte, ist Mikkelsen längst zu einem Weltstar aufgestiegen, den Hollywood - von BOND bis STAR WARS - mit Gewinn regelmäßig bucht. Jetzt also hat er wieder das heimische Kino beehrt und mit seinem alten Freund Thomas Vinterberg  einen neuen Film gedreht. Bereits 2013 spielte Mikkelsen die Hauptrolle in Vinterbergs Oscar-Kandidaten DIE JAGD. 
DER RAUSCH ist, nun ja, ein nicht nur feucht-fröhlicher, aber doch überaus unterhaltsamer Film, der sich etwas unkonventionell mit dem Alkohol beschäftigt. 

Ein Gymnasium irgendwo in Dänemark, der Unterricht läuft routinemäßig seinen gewohnten matten Gang. Die Schüler sind eher an ihren Smartphones interessiert und Geschichtslehrer Martin (Mads Mikkelsen) leistet ohne Enthusiasmus seinen Dienst nach Vorschrift. Auch drei Kollegen Martins (Sport-, Philosophie- und Musiklehrer) haben ähnliche Symptome, wofür gewöhnlich die etwas oberflächliche Definition „Midlife-Crisis“ oder neudeutsch ein „Burn-Out“ herhalten muss. Kurz und gut, ein Kollege Martins hat die Theorie des norwegischen Psychotherapeuten Finn Skårderud verinnerlicht, nach der die Menschen prinzipiell mit ½ Promille Blutalkohol zu wenig leben. Erst ab dieser Promillehürde seien wir frei genug, unser Leben kreativ und mit der nötigen Gelassenheit zu meistern. Eine vermutlich gewagte These, die den vier ausgebrannten Lehrern jedoch sehr zusagt. Diese Kreativität wird sofort mit lebensvollen Beispielen belegt: Hemingway pflegte nur bis 20:00 Uhr zu saufen und Churchill nie vorm Frühstück. Daraufhin macht Martin einen Test mit seinen Schülern - er gibt ihnen drei anonyme Politiker-Biografien: zwei veritable Trinker und ein stramm enthaltsam lebender Tierfreund. Die Schüler sortieren natürlich Roosevelt und Churchill aus und wählen den Dritten: Hitler. Dazu fügt sich eine muntere TV-Montage mit einer Kollektion besoffener Staatsoberhäupter, die sich nicht nur auf Boris Jelzin beschränkt! 

Die 0,5-Promille-Kur erweist sich also zunächst als hilfreicher Wegweiser durch die Burnout-Einöde, jeder Lehrer verbucht in seinem Sektor sympathische Erfolge und auch die Schüler sind wieder bei der Sache. Sogar das festgefahrene Familienleben Martins lockert sich. Diese ersten Fortschritte spornen die Männer an, ihr variables individuelles Promilleniveau gründlicher zu erforschen. Sie steigern also ganz „wissenschaftlich“ mit einer hochprozentigen Absinth-Mischung den Alkoholpegel - was sie übrigens immer ordentlich nachmessen und protokollieren. Auch einem Schüler mit Prüfungsangst wird von ihnen mit dem probaten Mittel durchs Abitur geholfen. Doch die Suche nach dem perfekten kreativen Rausch hat, wie sich vermuten lässt, ihre teuflischen Tücken...

Wie es dann ausgeht - bis hin zu einer furiosen Jazz-Tanz-Einlage Mikkelsens am Schluss des Films - sollte man aber besser im Kino sehen, wenn es denn wieder möglich sein sollte, wie wir alle hoffen (voraussichtlicher Kinostart: 25. März 2021)! 

Beim Europäischen Filmpreis jedenfalls hat DER RAUSCH schon die vier wichtigsten Preise abgefasst: Bester Film / Bestes Drehbuch / Beste Regie (Vinterberg) / Bester Darsteller (Mikkelsen). Das ist aber auch nicht überraschend, ist doch dieser Film ein zutiefst menschliches, berührendes Fest auf das Leben.

Das Schlusswort aber spendiert uns Regisseur Thomas Vinterberg persönlich: „Der Film nähert sich auf humoristische und - in den Augen mancher - skandalöse Weise einem ernsten Thema. DER RAUSCH ist als Tribut an das Leben gedacht. Als eine Rückeroberung der irrationalen Weisheit, die den gesunden Menschenverstand ablegt und sich der Lebenslust hingibt ... wenn auch oft mit tödlichen Konsequenzen.“ 
Eine Warnung zu guter Letzt: es kann einem nach Ansicht dieses Filmes gehen, wie nach der Lektüre von „König Alkohol“: man genehmigt sich sicherheitshalber erst einmal einen - wir wissen ja auch von den Toten Hosen: „Kein Alkohol (ist auch keine Lösung)!“                    

-Philipp Teubner

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