Döblins BERLIN ALEXANDERPLATZ neu verfilmt

Endlich öffnen wieder die Kinos. Doch wenn man auf der Suche nach richtig großem Kino ist, bleibt die Auswahl überschaubar. Hollywood traut sich noch nicht die nächsten Blockbuster zu starten und so finden zunächst kleinere Filme und Arthouse-Produktionen zurück in die Lichtspieltheater - was kein Nachteil sein muss. Mit „BERLIN ALEXANDERPLATZ“ kam Mitte Juli aber ein Film, der sowohl Arthouse als auch großes, bildgewaltiges Kino ist. Seine Premiere feierte er bereits im Februar auf der Berlinale. Nachdem Covid-bedingt der ursprüngliche Kinostart im April abgesagt wurde, bereichert der Film nun unseren Kino-Sommer. Ganz besonders interessant für die Heidekrautjournal-Leser dürfte dabei sein, dass dieser Berlin-Film zum Teil auch in Wandlitz gedreht wurde.

Alfred Döblins Opus Magnum „Berlin Alexanderplatz“ von 1929 ist so etwas wie ein Steinbruch für die verschiedenen Medien geworden: Theaterinszenierungen (u.a. von Frank Castorf an der Berliner Volksbühne), Hörspiele und immer wieder Filme. Schon Piel Jutzis Version von 1931 mit einem großartigen Heinrich George, und dann vor allem Rainer Werner Fassbinders opulente TV-Serie von 1980 haben dankbar vom offensichtlich unerschöpflichen Angebot des Dichters gezehrt. Der noch junge, risikofreudige Regisseur Burhan Qurbani wagt sich nun an eine Zeitgeist-Version dieses Stoffes:
 
„Anlass war wahrscheinlich die reine Hybris, dass man sich überhaupt heranwagt an so etwas. Döblin, der mit seinem Roman im literarischen Kanon weit oben steht - und auf der anderen Seite der Kino-Gott Fassbinder. Denen diesen Stoff abzuluchsen war erst einmal der reine Größenwahn! Ich bin mit diesem Buch groß geworden. Ich habe es mit 16-17 das erste Mal gelesen, fürs Abitur, und ich konnte damit überhaupt nichts anfangen. Döblin und seine Sprache haben mich nicht an ihn herangelassen. Er hatte die Idee von einem epischen Roman, der versucht, Psychologisierung zu vermeiden und den Leser auf Armeslänge zu halten. Und deshalb hat’s für mich auch noch zehn Jahre gedauert, bis ich das Buch wieder in die Hand genommen habe und merkte, da ist doch viel mehr drin. Was uns Döblin da anbietet, welche Wortgewalt, wie einfallsreich er ist und wie innovativ seine Stilmittel waren. Von dem Moment war klar, dass ich irgendwie damit umgehen möchte.“

Burhan Qurbani selbst ist afghanischer Abstammung. Seine Eltern flohen vor seiner Geburt nach Deutschland. Die Original-Geschichte vom Franz Biberkopf, der aus dem Gefängnis entlassen wird und schwört, ab jetzt ein ehrliches Leben zu führen, der aber an der Metropole Berlin und am Kapitalismus zerbricht, wird vom Regisseur clever ins 21. Jahrhundert transformiert. Aus Franz wird der afrikanische Flüchtling Francis, der über das Mittelmehr ins vermeintlich paradiesische Europa kommt. Doch ohne Freunde und Papiere bleiben bald nur Jobs im kriminellen Milieu. So arbeitet er als Koch für die Drogendealer in der Berliner Hasenheide und gerät in den Sog dieser Welt - und der Zuschauer mit ihm. 

Burhan Qurbani: „Als ich dann nach Berlin gezogen bin und viele Jahre in der Nähe der Hasenheide gelebt habe und diesen Volkspark, der so gut bürgerlich ist, beobachtete - mit seinem Freilichtkino, seinem Minigolfplatz und den vielen Familien und Kindern, die da rumlaufen. Und diese Menschen sehen, weil es ja auch ein Drogenpark ist, diese Community von leider oft schwarzen Drogendealern und stigmatisieren sie als schwarz = kriminell.Als jemand ohne typisch bio-deutschen Phänotyp, reagiere ich empfindlich auf Stigmatisierung von Äußerlichkeiten und dachte, vielleicht sollte ich eine Geschichte erzählen, die einem dieser Männer ein Gesicht und eine Stimme gibt, die man nicht so leicht ignorieren kann.“

Gespielt wird Francis eindrucksvoll von Welket Bungué aus Guinea-Bissau. Er schafft es dieser tragischen Figur etwas sehr Zeitgemäßes, Kraftvolles zu geben. Nach seiner Überquerung des Mittelmeers, landet er zuerst in einem heruntergekommenen Asylantenheim und gerät dann in die Berliner Zwischenwelt. Dabei bleibt er ein Suchender immer aber auch eine stolze Figur.
Jella Haase spielt die Escort-Dame Mieze, die sich Francis annimmt und ihm eine mögliche Perspektive aufzeigt. Haase kennen die meisten Kinobesucher als etwas schlichte Chantal aus den erfolgreichen FACK JU GÖHTE-Filmen. In BERLIN ALEXANDERPLATZ beweist sie ihre außerordentliche Vielseitigkeit und Kraft.

Jella Haase: „Was ganz wichtig war, dass wir einen neuen Ansatz für das Paar mitgebracht und vorher auch gesucht haben. Und wie immer, wenn man so eine Geschichte aus einer anderen Zeit in die Jetzt-Zeit überträgt ist es unumgänglich, dass man sich überlegt: Wie sieht denn so ein Paar in der heutigen Zeit aus? Was sind die Unterschiede, gerade auch bei Mietze - wie selbstbestimmt ist sie? Das war für mich ein wichtiger Ansatzpunkt. Und ich habe mich wahnsinnig gefreut, als das Drehbuch kam.“

Jella Haase ist es auch überlassen, Elemente der literarischen Vorlage Döblins in den Film zu bringen, da sie den Off-Kommentar spricht und dem Film so eine weitere, unverwechselbare Ebene verleiht.

Jella Haase: „Was ich so spannend am Buch fand, ist, dass die Suche des Franz Biberkopf so universell ist, da jeder Mensch mit ähnlichen Problemen und Sehnsüchten konfrontiert ist. Egal, aus welchem Milieu er kommt. Im Grunde geht es um das Ankommen, das jemandem unmöglich gemacht wird. In einer Welt, die böse ist, gut zu bleiben. Für Francis, der nach Berlin kommt, ist die Problematik die gleiche. Das hat so eine enorme Kraft, dass es universell erzählbar ist. Welket (Bungué) ist ein unfassbar talentierter und aufrechter Mensch. Er sieht den Leuten durch die Seele.“

Das Berlin von 2020 ist ein anderes als das der wilden 20er - aber überall flirrt, leuchtet und rumort es - auf den Straßen, in den Clubs. BERLIN ALEXANDERPLATZ ist groß und wuchtig. Das ist auch ein Verdienst der überragenden Kamera, die mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichnet wurde. Insgesamt bekam der Film sogar fünf Deutsche Filmpreise, hat großartige Darsteller und sollte nun auf gar keinen Fall im Kino verpasst werden.

Für das Heidekraut Journal
Philipp Teubner