NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER

Dieser Film war so etwas wie der „Geheimtipp“ der diesjährigen Berlinale und gewann dann sogar den Großen Preis der Jury. Der für mich emotional bewegendste Film des Wettbewerbs kommt jetzt in unsere Kinos. Ich hatte Gelegenheit, die Regisseurin und ihre Hauptdarstellerinnen zu interviewen.

Es geht um das sensible Thema Abreibung. Die 17-jährige Autumn ist ungewollt schwanger. Sie lebt in der amerikanischen Provinz im ländlichen Pennsylvania, wo fanatische Abtreibungsgegner die öffentliche Meinung bestimmen. Selbst ihre Frauenärztin berät sie nicht, sondern zeigt ihr nur blutige Schock-Videos.

Also wird Autumn gemeinsam mit ihrer Cousine Skylar heimlich nach New York reisen, wo man ihr die Abtreibung nicht verwehren wird. In der Kälte der ihr fremden Großstadt, mit zu wenig Geld, aber mit der selbstlosen Solidarität ihrer Cousine versucht das Mädchen ihr Problem zu bewältigen.

Das Geheimnis des poetisch anmutenden Titels erweist sich als nüchterne bürokratische Formel: „Never Rarely Sometimes Always“ (niemals selten manchmal immer) sind die Antwortmöglichkeiten auf einem Standardfragebogen an Mädchen und Frauen, die eine Abtreibung wünschen. Fragen, die sich auf ihre sexualen Gewohnheiten beziehen.

Eliza Hittman (Regie):
„Ich hatte das Gefühl, dass der Titel sich auch auf die Komplikationen rund um den Zugang zu ärztlichen Behandlungen im ganzen Land beziehen könnte. Und wie jeder Bundesstaat mit eigenen Kriterien, wann und wie es einer Frau erlaubt sei eine Abtreibung durchzuführen, versucht Macht auszuüben: Es ist eben niemals, selten, manchmal...
Wir haben in jedem Staat all diese individuellen Einschränkungen, die nur dafür gemacht sind, die Rechte auf medizinische Hilfe, zu der eine Frau immer Zugang haben sollte, einzuschränken.
Es ist also Teil des Filmes und der Story aber bezieht sich auch auf den größeren Kontext der ganzen Abtreibungs-Debatte.“

Für die beiden jungen Hauptdarstellerinnen Sidney Flanigan und Talia Ryder ist dieser Film ein erstaunliches Spielfilmdebüt. 

Eliza Hittman (Regie):
„Es hat wirklich Spaß gemacht, so intim mit so netten, jungen Frauen zu arbeiten.
Als wir den Film vorbereiteten hatte ich nur wenig Zeit zu proben. Also gingen wir zu dritt in einen Raum und ich gab den Beiden Notizbücher und fragte sie sehr persönliche Fragen über ihr Leben. Ich bat sie die Antworten aufzuschreiben und ließ sie allein, so dass sie persönliche Geheimnisse austauschen konnten. Denn ich hatte das Gefühl, mehr noch als dass ich proben müsse, brauchte ich eine echte Verbindung zwischen den zwei Frauen und dass sie sich besser kennen müssen als irgendwer sonst am Filmset.“
 

Für die jungen Frauen, wie auch für den Zuschauer wird der Film zu einer emotionalen Odyssee durch ein System, dessen Moral immer noch von den Vorstellungen dogmatischer Abtreibungsgener dominiert ist.
Und dies ist auch ein anrührender Film zum Thema Solidarität. Die beiden Mädchen spielen ihre Rollen mit beeindruckender Sensibilität. Unaufgeregt, aber intensiv - es gibt kaum Worte, kein lautes politisches oder feministisches Manifest.

Sidney Flanigan (Autumn):
„Sie sind beide fest entschlossen, alles zu tun was nötig ist, um die Sache zu durchzuziehen.
Sie sind einfallsreich und lassen sich nicht aufhalten, um füreinander da zu sein.“

Talia Ryder (Skylar):
„Sie verstehen einander ganz grundsätzlich und es gibt eigentlich keine Notwendigkeit für Worte und Erklärungen. Sie verstehen und fühlen beide den Schmerz.“

Der Film zeigt Lebensrealitäten, soziale und ideologische Verwerfungen im aktuellen Amerika und die Probleme der weiblichen Selbstbestimmung und geht in seiner Differenziertheit über MeToo hinaus. Gerade im Monat vor der US-Präsidentschaftswahl ist NIEMALS SELTEN MANCHMAL IMMER genau richtig. 

Sidney Flanigan (Autumn):
„Ich hoffe einfach, dass so viele Leute wie nur möglich den Film sehen können und ein Gefühl, einen Einblick darin erhalten, was Frauen in solchen Situationen durchmachen müssen, wie schwer es ihnen gemacht wird. Es ist eben kein simpler Arztbesuch - es gibt so viele Hürden.“

Talia Ryder (Skylar):
„Ja, wie Sidney gesagt hat: Es ist wichtig, dass dieser Film und diese Geschichte von vielen Menschen in vielen Ländern gesehen wird. Denn es wird immer noch zu wenig darüber gesprochen und es wichtig, dass dieses Thema entstigmatisiert wird.“

Apropos: Talia Ryder können wir zum Jahresende bereits wieder im Kino erleben - sie übernimmt eine zentrale Rolle in Steven Spielbergs Neu-Inszenierung der West Side Story.