Und MORGEN die GANZE WELT

 „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.“

Dieser Verfassungstext steht quasi als Motto in der Titelsequenz des Films „UND MORGEN DIE GANZE WELT“ (Kinostart 29.10.2020), der dann immer wieder auf die Schwierigkeiten der Interpretation verweist.

Regisseurin Julia von Heinz (u.a. „Ich bin dann mal weg“ 2015) hat sich mit ihrem Film auf ein Terrain gewagt, das mit Vorurteilen, Irrtümern und Klischees geradezu vermint ist. Und sie schafft es mit erstaunlicher Eloquenz diese Hürden zu überspringen, um eine dialektisch präzise Geschichte über Dinge zu erzählen, von denen wir alle irgendwie gehört haben und so genau doch nichts wissen.  

Luisa (Mala Emde), linke Jurastudentin und Tochter aus „besserem Hause“, stößt auf eine Antifa-Gruppe, ein buntgemischtes Völkchen irgendwo im Alternativmilieu. Spaß-Revoluzzer und ersthafte Widerständler, Dogmatiker und Hobby-Ideologen, Randalierer und einfach nur Mitmacher... Sie bewohnen als gemeinnütziger Verein ein Gebäude mit Hoffnung auf „Dauer-Bleiberecht“. Zu ihren wichtigsten Aktionen gehört es, populistische Hetzveranstaltungen der Rechten mit Radau zu stören - gewaltlos. Weil das einigen aber nicht genügt, nimmt auch die antifaschistische Gewalt zu, es kommt zu heftigen Auseinandersetzungen, in deren Verlauf Luisa verletzt wird. Dabei findet sie aber auch ein Nazi-Handy, dass für die weiteren Aktionen der Linken wertvoll wird. Luisa und ihre beiden Freunde Alfa (Noah Saavedra) und Lenor (Tonio Schneider) verorten mit den Informationen aus dem gefundenen Handy unter anderem ein Nazi-Sprengstoffdepot. Und wieder stellt sich für sie die Frage: Gewalt nur gegen Sachen?  So zumindest will es Lenor, der überhaupt für ein breites Aktionsbündnis eintritt, das auch die „Bullen“ einbindet und ihnen keine Chance gibt, die Antifa wegen chaotischer Gewaltaktionen härter zu attackieren als den Nazipöbel, der sich inzwischen erfolgreich unter die Kleinbürger mischt. 

Und auch da hebt Julia von Heinz immer wieder die simple Eindeutigkeit auf: Wenn z.B. Luisa in der stärksten Szene des Films bei einem Konzert der Nazis sich zwischen diese Typen mischt, die alle nicht karikiert sind und die dennoch wie ihre eigene Karikatur wirken. Sie grölen die üblichen Gesänge, u.a. „Das ist kein Mensch, das ist ein Jud, denk nicht daran - mach ihn kaputt“ - was für Luisa und auch die Zuschauer den Sinn friedlicher Diskussionen mit jenen obsolet macht. Die Regisseurin führt ihre Geschichte mit Spannung entlang dieser Kontroversen und sie versteht es, den Wert und den Grad der verschiedenen Unternehmungen immer wieder filmisch zu hinterfragen. Während der Juravorlesungen, die ausgerechnet das Grundgesetz behandeln, interpretieren z.B. rechte Studenten das Motto des Films (siehe oben) als Aufruf zum Widerstand gegen „illegale Einwanderung“ und das geschieht erstaunlich glaubwürdig und wirkt absolut nicht konstruiert. 

Julia von Heinz hat den Film gemeinsam mit ihrem Mann John Quester geschrieben: 

Julia von Heinz : „Der Film ist für uns beide eine absolut persönliche Angelegenheit. Wir kennen uns aus der Antifa. Wir haben uns in dem Alter, in dem sich unsere Protagonisten befinden, kennengelernt. Wir sind als Paar praktisch gemeinsam aus diesem politischen Engagement in das Filmemachen hineingewachsen. Wir sind beide Autodidakten, sowohl beim Drehbuchschreiben wie beim Regieführen. Es ist eine intensive Zusammenarbeit. Gerade bei einem so persönlichen Stoff können wir auf einen großen Pool gemeinsamer Erfahrungen und Menschen zurückgreifen. Es ist unser fünftes gemeinsames Drehbuch, unser vierter verfilmter gemeinsamer Film. Es sollen noch viele folgen.“

Dass die Authentizität immer dominiert, liegt an der virtuosen Gestaltung des Films, der mit scheinbar zufälligen Bildern, einem intensiven Schnittrhythmus und fast beiläufigen Tönen und Details (die aber alle exakt geplant und eingesetzt sind) mitunter wie ein Dokumentarfilm aussieht. UND MORGEN DIE GANZE WELT lief im internationalen Wettbewerb um den „Goldenen Löwen“ von Venedig und wurde mit dem Kritikerpreis „Bisato d‘Oro“ für die bemerkenswerte Hauptdarstellerin Mala Emde ausgezeichnet.

Mala Emde (Luisa):„UND MORGEN DIE GANZE WELT hat mir von Anfang an Lust darauf gemacht, raus in die Welt zu gehen, sodass sie morgen eine andere ist. Eine Welt ohne Rassismus und Unterdrückung. Der Film lässt uns durch Luisa selbst auf eine Suche nach unseren politischen Antworten gehen. Drückt keine Meinung auf. Bietet Raum zur individuellen Auseinandersetzung. Außerdem erzählt der Film für mich wunderbar über Freundschaft, Liebe und Einsamkeit.“

- Philipp Teubner