Vergiftete Wahrheit

Es ist, möchte man fast sagen, ein spezifisches Hollywood-Genre: der Justiz-Thriller. Man erinnert da schon in der Filmgeschichte zahlreiche, meist überaus ernsthafte und gleichermaßen unterhaltsame Filme à la DIE ZEUGIN DER ANKLAGE und DIE ZWÖLF GESCHWORENEN (beide 1957) oder WER DEN WIND SÄT (1960).  Das war ein Film, in dem Spencer Tracy als Verteidiger einen Lehrer (und mit ihm Charles Darwin und die Wahrheit) gegen eine institutionelle Übermacht inklusive der bibelfesten Bevölkerung Tennessees zu schützen versucht. Aus neuerer Zeit wäre da u.a. an PHILADELPHIA (1993) und vor allem    ERIN BROKOVICH (2000) oder MICHAEL CLAYTON (2007) zu erinnern

Gerade letztere Filme führen in die Nähe des aktuellen Streifens VERGIFTETE WAHRHEIT. Ein gerade heutzutage sehr aktueller, wenn man so will, doppeldeutiger Titel. Es geht ganz konkret um vergiftetes Wasser und spielt zudem mit dem momentan auch bei uns inzwischen geläufigen Vergiften von Wahrheit. Der Film wartet mit einer - dem Thema angemessenen - perfekten Besetzung auf. In der Hauptrolle und als Produzent Mark Ruffalo (SPOTLIGHT). Er spielt den Wirtschaftsanwalt Robert Bilott (nach dem authentischen Vorbild), der gerade einen enormen Karriereschub erlebt. Er wird Partner einer großen, überaus renommierten Anwaltskanzlei, die unter anderem viel Geld mit der Vertretung von Chemiekonzernen verdient. Ausgerechnet da meldet sich bei ihm ein kleiner Farmer aus dem Wohnort seiner Großmutter mit einer für die große Kanzlei eher belanglosen Bitte. Bilott fährt trotzdem nach Parkersburg, West Virginia, und findet dort eine Farm in Agonie vor. Etwa 190 tote Kühe sind in einem makabren Gräberfeld verscharrt - und eines der letzten überlebenden Rinder dreht durch, attackiert die Männer und muss vor den Augen des erschütterten Anwalts erschossen werden. Neben der Farm liegt die Deponie des Chemiegiganten Dupont. Ungehemmt und wider besseres Wissen entsorgen sie hier den Giftmüll ihrer Teflon-Produktion, inklusive der besonders gefahrvollen Chemikalie PFOA. Sie gehört zu den sogenannten „Forever Chemicals“ („Ewige Chemikalien“), da sie in der Umwelt nicht abgebaut werden kann. Sie schädigt  die Schilddrüse, das Immunsystem und wirkt krebserregend. Mittlerweile ist das gesamte Grundwasser der Region um Parkersburg kontaminiert, nur weiß die Bevölkerung davon nichts. Bilott übernimmt, anfangs naiv, den nicht eben Gewinn versprechenden Auftrag, muss sich gegen das nicht gerade begeisterte Anwalts-Kollegium durchsetzen und hat einfach Glück, weil ihn sein Chef Tom Terp (endlich wieder einmal Tim Robbins) zunächst widerstrebend, dann aber nachhaltig unterstützt.

Mark Ruffalo:
„Robert will der Sache schnell auf den Grund gehen, weil er eigentlich glaubt, dass Unternehmen ihre besten eigenen Statthalter sind. Er ist wirklich überzeugt, dass Unternehmen für Menschen da sind und vertraut auf deren Selbstverwaltung. Und so denkt er, dass dies nur ein einfaches Versehen sein muss. Doch am Ende deckt er die größte Vertuschung einer Umweltkatastrophe in der Geschichte der Menschheit auf.“
Dupont lässt sich von seinen Einsprüchen nicht beeindrucken. Zunächst überschüttet man den Anwalt mit 100.000 Seiten unsortierter Dokumente aus über 50 Jahren, was in der Kanzlei die Frage aufwirft, ob sich Bilott wirklich wegen eines hinterwäldlerischen Farmers die Karriere ruinieren möchte. Aber Bilott hält durch, gegen die Macht seines Widerparts, der sich die enormen Teflon-Geschäfte nicht wegen scheinbar irgendwelcher „Kollateralschäden“ stören lassen will. 

Ruffalo spielt seine Rolle intensiv, aber unaufgeregt. Er vermittelt äußerst glaubwürdig seine Betroffenheit und später auch die Gefährdung dieses unerschrockenen Mannes. Am Ende sind es ca. 20 Jahre, in denen er sich und seiner Kanzlei viel Geld hätte erwirtschaften können. Stattdessen kämpft er mit seinem unrentablen Engagement für die Wahrheit.  Bilotts Frau - Anne Hathaway (LES MISÉRABLES) - hat die ganze Bürde mitzutragen, hält zu ihm, weil sie dieselben Werte, wie ihr eher stoischer Mann vertritt... 

Der kraftvolle Film hat übrigens einige der tatsächlich Betroffenen dieser Umweltkatastrophe um Mitwirkung gebeten. So hat u.a. eines der ersten Opfer - William „Bucky“ Bailey - einen anrührenden Cameo-Auftritt. Und natürlich die Regie: Todd Haynes (man erinnert sich u.a. gern an seinen überaus raffiniert gebauten Bob-Dylan-Film I‘M NOT THERE) hat mit VERGIFTETE WAHRHEIT wiederum einen überragenden Film abgeliefert, dessen Kameramann Edward Lachmann (Haynes drehte mit ihm bereits seine Filme DEM HIMMEL SO FERN und CAROL - jeweils Oscar-nominiert) in diesem Zusammenhang unbedingt zu erwähnen ist. Todd Haynes war dieser Film auch vor allem deshalb wichtig, weil die Politik in jüngster Zeit die Schutzmaßnahmen für das Wasser und gegen die Klimaveränderung so massiv abgebaut hat. Apropos - der reale Robert Bilott wurde unlängst für sein unausgesetztes Bemühen um die Wahrheit mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet.

Alles in allem ist dies ein Film, den man natürlich lieber auf der großen Leinwand gesehen hätte. Der Kinostart im Oktober hatte jedoch alle einschlägigen Corona-Kalamitäten. Deshalb also umso wertvoller, dass der Filmjetzt auf DVD und Blu-Ray erscheint. Was nichts daran ändert, dass wir uns alle wieder nach dem „richtigen“ Kino sehnen. 
Mark Ruffalo, den wir unlängst fragten, was Film für ihn wohl bedeute, hat uns diesbezüglich angemessen geantwortet:

„Ich denke, man sollte in der Kirche Eintritt zahlen und Kino sollte frei sein! Ich glaube, Film „at its best“ ist das komplette Vergnügen, ein Aussichtsturm für uns als Menschen. Ein Lern-Instrument, das die Leute zueinander bringt und die menschliche Erfahrung erleuchtet. Und er bringt uns ganz einfach Unterhaltung, Freude, Lachen, Gefühle... Kurz, ich denke, das ist eine wunderbare Sache!“

-Philipp Teubner

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