Das Kopftuch und der Iran - Leben mit zwei Gesichtern

Seit Jahren wird in Deutschland und Europa über das Kopftuch debattiert. Gilt es einigen als Zeichen der individuellen Freiheit, über das Frauen selbst zu entscheiden haben, sehen es andere als Symbol der Unterdrückung. Die Fronten sind seit jeher verhärtet und ein Diskurs findet nur unter schwierigen Bedingungen statt. Fordert die eine Seite ein Verbot, pocht die andere auf die Aufrechterhaltung der Kultur und Religionsfreiheit. Wir befragten Medus A. eine im Iran lebende junge Frau zu Ihrer Einschätzung des Kopftuches und dem Leben mit ihm im Iran.

Hallo, mein Name ist Medus A.* und ich lebe im Iran. Seit Beginn meiner Schulzeit waren Hijab und der Koran Teil meines Lehrstoff es und Bildung.“

Mit diesen Worten beginnt der Beitrag einer jungen Iranerin über Ihr Leben, die Gesellschaft im Iran und die Kopftuchdebatte, die uns auch in Deutschland und Europa bewegt. Aufgewachsen in einer kleinen Stadt wuchs Medus A. geprägt durch das traditionelle Familienbild im Iran auf.

„Ich war noch klein und jung und glaubte alles was mir gelehrt wurde. Lasse niemals einen Mann deine Stimme hören, denn das gehört sich nicht. Halte Immer die Haare bedeckt, denn wenn ein Mann auch nur eine Strähne sieht, wird diese Strähne nach deinem Tod zu einer Schlange auf deinem Kopf. Diese Dinge wurden wiederholt wie ein Dogma. In der Schule gab es sogar Preise für die beste Verdeckung. Ich trug nicht mehr nur eine Kopfbedeckung, sondern den „perfekten Hijab“, der auch meinen ganzen Halsbereich abdeckte. Ich wollte schließlich gewinnen. Mit der Zeit wurde ich älter. Ein Teenager eben und all die geschürten Ängste und Zweifel die mir gelehrt wurden, drehten sich in das Gegenteil. Eine typische, trotzige Phase.“

Durch soziale Netzwerke lernte Sie immer mehr über das Leben in westlichen Ländern.

„Die Magie von Sozialen Netzwerken und dem Internet rund um die Welt. Ich musste meine Sorgen und Nöte nicht mehr mit den Menschen teilen, die aus meinem eigenen, eingeschränkten Kulturkreis stammten, sondern konnte mit fremden Menschen aus aller Welt sprechen. Alles was ich bisher gelernt hatte, war auf einmal Blödsinn. Ich fragte mich, wie erwachsene Menschen, schlauere Menschen als ich, sowas Glauben können. Ein besonderer Ort nach dem Tod zwischen Himmel und Hölle und wenn du als Frau immer sorgsam deinen Hijab getragen und zu Gott gebetet hast, dann wird dir ein Seil zum Himmel gereicht – doch wenn nicht, fällst du hinab in die Hölle wo ewige Qualen des Feuers auf dich warten? Naja.“

In Teheran erlebte Medus A. das erste mal eine Form der eigenen Freiheit und die Möglichkeit sich auszuleben.

„Mit 20 habe ich angefangen zu studieren. In Teheran, unserer Hauptstadt und einer der besten Universitäten des Landes. Das war ein riesiger Wechsel im Vergleich zu dem Ort wo ich bisher gelebt habe. Nervös war ich nur ein bisschen, da ich das erste mal weg von meiner Familie war, aber ich freute mich über Veränderungen. Es hat sich angefühlt wie eine Beförderung. Auf einmal wurde mir zugehört und meine Gedanken wurden respektiert – zumindest etwas. Ich konnte sehen wie Frauen und Mädchen sich unabhängig verhalten konnten. Zumindest im Vergleich zu iranischen Standards. Aber auch hier musste ich mich verbiegen: Hijab anziehen und so tun als würde ich beten, denn die Leute um einen herum beurteilen einen danach. Wie eine perfekte Verhüllung Einfl uss auf mein Fachwissen haben kann weiß ich bis heute nicht, doch Punktabzug im Examen weil Teile meines Halses sichtbar waren gehörten dazu. Der Lehrer hat schließlich immer Recht.

”Halte Immer die Haare bedeckt, denn wenn ein Mann auch nur eine Strähne sieht, wird diese Strähne nach deinem Tod zu einer Schlange auf deinem Kopf.”

Also lebt man irgendwann mit zwei Gesichtern. Öff entlich präsentiert man sich so wie von der Kultur, Religion und Gesellschaft erwartet, doch im Geheimen lebt man seine Natur, so gut es eben geht, aus. Als iranisches Mädchen ist es normal, bis zur Heirat bei den Eltern zu leben und dann in das Haus des Mannes zu ziehen. Wenn ein Mädchen widerspricht, gilt Sie als ungehorsam. Ähnliches gilt für Jungs, aber sie haben mehr Freiheiten als Frauen. Das Ergebnis von diesen kulturellen Traditionen ist, dass wir junge Menschen trotzdem versuchen, alles zu erfahren, was junge Menschen in westlichen Ländern auch tun – nur eben im Verborgenen. Alkohol trinken. Einen Partner haben. Intim werden mit anderen. Rauchen und Parties mit Jungs und Mädchen. Ein Mädchen das bei der Heirat keine Jungfrau ist gilt als eine Schande. Aber wie viele Mädchen respektieren diese Regeln inzwischen überhaupt noch? Die erdrückende, immer präsente Kultur sorgt dafür, dass man sich zuerst selbst die Schuld gibt. Man „betrügt“ seine Eltern und die Träume, die sie für einen haben. Doch was ist mit den eigenen Träumen, die man hat? Das Gefühl der Schuld nimmt irgendwann ab.“ So auch bei Medus A.

Medus A. ist angehende Staatsbedienstete. Sozusagen ein Beamtenverhältnis auf Probe.

„Viele beneiden mich um meine Arbeit. Sie ist gut bezahlt und einige meiner Freunde können überhaupt gar keinen Job finden. Doch angehende Staatsbedienstete müssen anfangs damit rechnen, überwacht zu werden. Besuche ich die Moschee regelmäßig genug? Trage ich den perfekten Hijab und keinen Nagellack? Lache ich in der Öff entlichkeit mit Männern oder Kollegen? Es zwingt mich dazu, eine Rolle zu spielen, an die ich nicht glaube, sonst verliere ich meine Arbeit und das gute Gehalt.“

Als im vorletzten Jahr hunderte Frauen auf die Straße gingen und Ihre abgelegte Kopfbedeckung, den Hijab, als Zeichen des Protestes unter dem Hashtag #hijabprotest schwangen blieb Medus A. Zuhause - und still. Sie hatte bereits früher eine Begegnung mit der Polizei, weil Ihre Bedeckung nicht konform genug war – sie möchte sich und ihrer Familie keine Probleme bereiten. Anders als in vielen anderen Wirtschaftszweigen gilt auch im Iran das Angestelltenverhältnis im Staatsapparat als eine gewisse Form der Sicherheit, die man nicht verlieren möchte.

Das Kopftuch sorgt auch für ganz alltägliche Probleme.

„Ich werde eifersüchtig auf Männer, die im Sommer bei 40 Grad mit kurzer Hose und T-Shirt rumlaufen oder sich beim Baden am Meer nur in Badehose erfrischen, während ich als Frau in meiner Vollverschleierung schwitzen muss. Die Männer sind es gewohnt, dass Frauen bedeckt sind. Zeigt man etwas zu viel sind Belästigungen und sexuelle Anspielungen normal. Als Frau ist man selbst daran Schuld – schließlich kennen die Männer nichts anderes und Frauen ohne die richtige Bedeckung werden erzogen sich unsicher zu fühlen.“

Sie selbst wünscht sich, irgendwann einmal ohne Hijab leben zu können.

Aktiv dafür eintreten will Sie aus Angst aber nicht. Dass Ihr Schweigen als Zustimmung gewertet werden wird, ist Ihr bewust - warum in westlichen Ländern dafür gestritten wird, dass Frauen Ihr Kopftuch oder eine Verschleierung behalten können versteht Sie nicht.

„Der Iran ist ein islamisches Land, das bestimmte Gesetze ausschließlich für Frauen hat. Ich verstehe Frauen, die hier im Iran an den Hijab glauben. Von klein auf wird man schließlich dazu indoktriniert. Ich selbst habe ja versucht, Preise in der Schule für die beste Verschleierung zu gewinnen. Nicht alle Frauen gehen hier an die Universität und fangen an die Dinge in Frage zu stellen. Sie kennen es nicht anders und können mit Protesten gegen diesen Zwang nichts anfangen. Aber es fühlt sich komisch an, davon zu träumen, in einem europäischen Land ohne das Kopftuch leben zu können, wenn es in diesen Ländern Menschen gibt die sich genau dagegen einsetzen und denken, Sie tun uns Frauen in den islamischen Ländern einen Gefallen, wenn die Aufrechterhaltung dieser Kultur als Freiheit der Entscheidung von Frauen dargestellt wird. In einer freien Gesellschaft wie Deutschland für das Tragen eines Kopftuches zu kämpfen ist einfach. In einer unfreien Gesellschaft wie dem Iran dagegen zu kämpfen ist es nicht.

IN EINER FREIEN GESELLSCHAFT FÜR DAS TRAGEN EINES KOPFTUCHES ZU KÄMPFEN IST EINFACH. IN EINER UNFREIEN GESELLSCHAFTDAGEGEN ZU KÄMPFEN IST ES NICHT.“

Einmal war ich in der Türkei. Während der ganzen Reise trug ich meinen Hijab nicht ein einziges Mal. Make-Up, schöne Kleidung, all das habe ich genossen. Andere Frauen in meinem Land lernen solche Dinge nie kennen. Sollte ich jemals das Glück haben, in einem westlichen Land leben zu können, hoff e ich, dass es Gesetze gibt, die uns Frauen davor schützen, dass Männer auf die islamische Religion zeigen, und ich wieder ein Kopftuch tragen muss. Die Freiheit der Religion würde in diesem Fall nämlich nur bedeuten, dass Frauen das Kopftuch nun in einem anderen Land tragen müssen. Es würde sich nichts ändern.“

*Name von der Redaktion geändert. Bilder zum Schutz von Medus A. anonymisiert. Zitate unverändert aus dem englischen Original übersetzt.