Depressionen im Jugendalter

Eine Einschätzung über die zunehmende Zahl der depressiven Jugendlichen in einem Wandel der Systeme von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

Ich kannte einst einen grandiosen jungen Mann. Er war weder besonders groß noch besonders auffällig im Umgang mit seinen Mitmenschen. Eine verschlossene Seele, die ich, wenn auch nicht als guter Freund, dann doch zumindest als Klassenkamerad einige Jahre lang auf ihrem Weg begleitete. 

Der junge Mann hatte viele Talente. Stundenlang konnte er voller Begeisterung über Strategien und packende Meisterschaftspartien seines Schachspiels fachsimpeln. Seine Augen strahlten dann vor Euphorie und sein Mundwerk ging so schnell, dass ein Laie wie ich dem Gesprochenen nur mit Mühe folgen konnte. Im Mathematikunterricht hatte er uns bereits in der ersten gemeinsamen Stunde in der siebten Klasse weit abgehängt, nur um uns im Laufe der Jahre immer weiter hinter sich zu lassen. Wenn es einen Aufsatz von einer Seite Länge zu verfassen galt, so konnte man sich fast sicher sein, dass der junge Mann lediglich einige Sätze scheinbar achtlos auf sein Blatt kritzeln und zum Erstaunen all der emsigen Vielschreiber dennoch eine sehr gute Note damit erlangen würde. Niemand an unserer Schule schien jemals Streit mit ihm zu haben und jeder mochte ihn und wusste ihn gerne um sich. Lehrer wie Mitschüler waren sich einig, dass dem jungen Mann, der es nicht leid wurde, die Erwartungen der Anderen zu übertreffen, eine goldene Zukunft bevorstehen würde. Niemand zweifelte an seinem exzellenten Werdegang. 

Selbst als Kursphase, exzessives Feiern, Alkohol und Drogenmissbrauch in seinem Jahrgang Einzug hielten, blieb unser junger Mann besonnen, ohne sich abzukapseln. Ein durch und durch angenehmer Zeitgenosse, dessen Intelligenz und Wortgewandtheit uns noch viele Jahre begeistern würden. So zumindest klang es aus den naiven Freundschaftsbekundungen, zugeraunt  auf Abi-Fahrt spät nachts in einer obligatorisch schäbigen Bar eines nicht weniger schäbigen Hotels irgendwo in einem spanischen Party-Ort. Natürlich würde die Zeit eine andere Wahrheit enthüllen. Schnell versprengte sich der Jahrgang des jungen Mannes in alle Ecken Deutschlands und der Welt. Nur wenige hielten Kontakt, noch wenigere mit ihm.

Berlin, technischer Studiengang waren die letzten Informationen, die über unseren jungen Mann in Erinnerung blieben, bis eines Tages sein Klassenlehrer mit einer grausamen Botschaft Kontakt aufnimmt. Die genauen Umstände, die zur Tragödie führten, sind uns unbekannt. Tod, Suizid, Beerdigungsdatum sind die, die sich in die Gedächtnisse brennen. Die Beisetzung findet an einem Regentag statt. Viele ältere Menschen in schwarzen Anzügen und ehrlicher Trauer in den Gesichtern drängen sich um den Sarg, bemüht der zerstörten Familie Trost und Kraft zu spenden und ein Loch zu stopfen, welches nicht gefüllt werden kann. Mit etwas Abstand dahinter einige jüngere Besucher. Menschen, die Erwachsene sein sollen, die sich in diesem Moment jedoch nur wie hilflose Kinder fühlen. Keiner von ihnen spricht viel. Vielleicht sind erst gut zwei Jahre vergangen, seitdem man zuletzt zusammen lernte, feierte und sich in den buntesten Farben die eigene Zukunft malte. Doch inzwischen ist man sich fremd. Jeder ist seinen eigenen Pfad gegangen und die Tatsache, dass uns all unsere Wege hier an diesem Grab zusammengeführt haben, ist unbehaglich. Jeder hängt seinen eigenen Gedanken nach, keiner spricht viel. Ich für meinen Teil frage mich, ob ich nicht früher hätte merken können, dass der junge Mann unter seiner Fassade ein fragiles Konstrukt verbarg. Ob ich nicht ein besserer Freund und Klassenkamerad hätte sein können, ja müssen, um eine Stütze in der Not zu sein. Gab es Anzeichen, die ich hätte erkennen müssen? 

Wenn ein Mensch mit so guten Vorzeichen dafür in der modernen Gesellschaft erfolgreich zu sein, so früh den für ihn ausgetretenen Weg verlässt, wirft das Fragen auf. 

Ein junger Mensch, der aus kapitalistischer Narrative über alle Eigenschaften verfügt, die er bedarf, um in seinem Leben Glück -gleichbedeutend mit Wohlstand – anzuhäufen, gilt er als talentiert. Gelingt es ihm, diese Parameter sogar überdurchschnittlich gut anzuwenden, es auf die Bildschirme und Titelseiten der großen Magazine dieser Welt zu schaffen, mag er gar für ein Genie gehalten werden. Beliebtheit, Erfolg und Macht werden heutzutage nur noch via wirtschaftlicher Interessenfelder gemessen. Es beginnt bei der Followeranzahl auf Social Media und endet mit der Größe von Garage, Pool und Sportwagen. Wer Anerkennung sucht, hat einen deutlich lesbaren Katalog vor sich. Kann er in puncto Lebensstandard, Arbeitsumfeld und Handlungsmaxime kapitalistische Tugenden vorweisen (und verfügt über die nötige Portion Grips, um diese umzusetzen) ist die gesellschaftliche Akzeptanz garantiert. Wir werden gegeneinander ausgespielt und nicht selten können wir eine Stärkung der eigenen Position nur durch die Schwächung des Standes eines Kontrahenten (zu Deutsch auch: Mitmensch) erlangen. 

”Statistiken belegen, dass die Selbstmordraten steigen. Doch nicht nur die dramatischsten Fälle nehmen zu.” 

Einige Menschen können mit diesem System nicht umgehen. 

Sie wollen nicht verstehen, dass Zwischenmenschlichkeit und Nächstenliebe unter die Räder des Fortschritts geraten und auf der Strecke geblieben sind. Ich möchte gern glauben, dass es oft die Schlauen, die Feinfühligen, die Sensiblen sind, die mit den modernen Zeiten die größten Schwierigkeiten haben. Die sich weigern, für ein paar Kupferstücke dem imaginären goldenen Topf hinterherzujagen, nur um von den Machthabenden auf dem Weg zum Glück Knüppel zwischen die Beine geworfen zu bekommen. Diejenigen, die viel lieber nach Harmonie strebten als nach Einfluss. Deren Versuche diese Einstellung nach außen zu tragen gnadenlos von Eltern, Lehrern und nicht zuletzt von der Angst vor der eigenen Mittellosigkeit zunichte gemacht wurden. Nicht wenige in meinem heutigen Freundeskreis haben Schwierigkeiten erwachsen zu werden. Niemand scheint große Lust zu haben, sich für ein System abzuarbeiten, welches harte Arbeit nicht lohnt und den Erfolg nur spärlich ausschüttet. Zu psychologischen Problemen führt das bei weitem nicht bei allen. Zum Glück gibt es keinen weiteren Todesfall zu beklagen. Und dennoch: Statistiken belegen, dass die Selbstmordraten steigen. Doch nicht nur die dramatischsten Fälle nehmen zu. Aktuell befinden sich mehr junge Menschen in freiwilliger psychologischer Betreuung als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Es ist gut, dass Angebote geschaffen werden, wo Querdenker und die, die nicht so schnell mit dem Strom schwimmen können, aufgefangen werden. Bei der Erziehung ihrer Kinder haben die älteren Generationen wohl schon immer den Fehler gemacht, zu glauben, sie wüssten, was für ihre Schützlinge das beste sei. Und vielleicht wird ja tatsächlich die Schere zwischen dem, was unsere Organismen für Entspannung und Harmonie benötigen und dem, was wir fürs tägliche Überleben tun müssen, immer größer. 

 Ich weiß nicht, ob der junge Mann, der einst mein Klassenkamerad war, auch Schwierigkeiten hatte, in der Gesellschaft seinen Platz zu finden. Ich kann nur vermuten, wie es ihm ergangen ist und welche stürmischen Emotionen ihn zu diesem fatalen Schritt getrieben haben. Irgendwie wünsche ich mir ein bisschen, dass sein Suizid aus einem Akt des Protestes gegen die modernen Zeiten geschah. Vielleicht, weil ich selbst manchmal unter der Last der Welt zu straucheln und zu stürzen drohe. Vielleicht, weil es mir Mut verleiht zu wissen, dass es noch andere gibt, deren Emotionen mit dem System inkompatibel scheinen. Und vielleicht weil ich hoffe, dass diese Menschen eines Tages der Funken für ein Feuer sein werden, welches die Ungerechtigkeit, die Ausbeutung, den Leistungsdruck und die Angst des 21. Jahrhunderts ausbrennt und durch Verständnis und Akzeptanz ersetzt. Vielleicht aber auch nur, weil ich mir vorwerfe, nicht aufmerksam genug zugehört, nicht rechtzeitig eine Schulter geboten zu haben. 
 

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