Die Erde brennt

Eine Einschätzung der Gefahren des Klimawandels und den Klimabewegungen von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften.

Weiß, so weit das Auge reicht. Schnee rieselt leise auf den gefrorenen Ozean. Eins der größten Landraubtiere der Erde schleppt sich schwerfellig über das Eis. Seine mächtigen Pranken setzt er bedacht auf, seine einst muskulösen Beine tragen mühevoll den ausgemergelten Körper. Ein Eisbär auf der Suche nach Beute. Plötzlich ist ein Knacken zu hören und der Bär bricht durch die dünne Eisschicht. Verzweifelt klammert er sich an den Rand des entstandenen Loches, versucht ihn zu erklimmen. Doch vergebens. Das Eis ist zu dünn, es bricht immer weiter ab. Schließlich kann der Räuber dem kalten Nass entkommen und so schleppt er sich erschöpft weiter. Nur um einige Meter weiter erneut einzubrechen. Eine Szene, wie wir sie schon unzählige Male gesehen haben. Dokumentarfi lme über die Polarmeere zeigen sie, Umweltschutzorganisationen bedienen sich ihrer. Sie scheint zum Sinnbild des Klimawandels geworden zu sein.

Dass unser Plant immer wärmer wird, wissen inzwischen die meisten der Deutschen.

Ihr Leben darauf ausrichten, werden die wenigsten. Einzig und allein die jüngste Generation scheint begriff en zu haben, welche immense Notwendigkeit zu Handeln von der sich anbahnenden Klimakatastrophe ausgeht. Und so formiert sich zum ersten Mal seit vielen Jahren eine ernstzunehmende Protestbewegung bei den Jugendlichen unserer Zeit. Allen voran die wohl zurzeit populärste Klimaaktivistin der Welt: Greta Thunberg. Ein siebzehnjähriges Mädchen, welchem es gelungen ist, die Aufmerksamkeit der Weltöff entlichkeit auf sich zu ziehen. Ihre geschickten Formulierungen und strengen Forderungen bilden die Speerspitze einer Generation, die gerade erst zu begreifen beginnt, welche gigantischen Aufgaben auf sie zukommen, wollen sie die menschliche Zivilisation für ihre Nachkommen erhalten.Die Zahl ihrer internationalen Anhänger steigt stetig.

Gleiches gilt jedoch auch für ihre Gegner.

Es stellt sich die Frage, was schlimmer ist: Dass Wutbürger in ominösen Internetforen zu Hauf Mord- und Vergewaltigungsfantasien an Thunberg inszenieren oder dass, trotz ihrer globalen Medienwirksamkeit die internationale Politik kaum auf die Forderung der jungen Schwedin einzugehen scheint. Die jüngste Generation schien endlich ein Sprachrohr gefunden zu haben, nur um erkennen zu müssen, dass die alten Eliten die Gesellschaft derart mit ihrer Propaganda durchdrungen haben, dass sie diesen Anfl ug einer Klimaprotestbewegung allein mit Angriff en auf die Persönlichkeit von Greta im Sande verlaufen lassen können. Noch. Über dem Konfl ikt jung gegen alt, Ökoterrorist gegen Klimasünder, Wirtschaftlichkeit gegen Nachhaltigkeit steht eine große Frage. Eine Frage, die sich sowohl an die Mächtigen dieser Welt, als auch an ihre vielen Individuen richtet. Wieso ändern wir nichts?

Lediglich 7% der Europäer glauben, dass der Klimawandeln kein ernsthaftes Problem darstellt*.

Dennoch steigt der CO2 Ausstoß der EU weiterhin an. Wie kann das sein? Wieso können Populisten wie Donald Trump Verhandlungen wie in Madrid oder New York mit einem Fingerschnippen und einem lächerlichen Kommentar zum Scheitern bringen? Wieso zeigt der durchschnittliche Spießbürger am Frühstückstisch vorwurfsvoll auf den Artikel der Illustrierten seiner Wahl, der die CO2-Emmissionen Chinas zum Thema hat, um dann wenig später mit dem SUV zunächst das Kind zur Schule, den Einkauf nachhause, die Frau zur Maniküre und im Winter die ganze Familie quer durch das Land in den Skiurlaub zu kutschen? Wir stellen unsere individuellen Privilegien an die erste Stelle. Halten uns selbst für unfehlbar und bemerken in biblischer Manier eher den Dorn im Auge des Nachbarns, der seinen Müll nicht ordnungsgemäß trennt, als den gigantischen Marterpfahl zu realisieren, der längst aus der Summe aller, auch unserer eigenen Fehler entwachsen ist. Selbst bei den jungen Demonstranten, die sich jeden Freitag bei den Fridays for future-Demonstrationen zu Hauf in den Großstätten der westlichen Welt sammeln, um ihrer Wut eine Stimme zu verleihen, ist die Doppelmoral nicht weit. Denn fast alle fi lmen sie das Geschehen auf ihren modernen Smartphones der Marke Apple, Samsung, Huawei und co, deren Gehäuse Kobalt und andere in der Förderung ökologisch, wie menschenrechtlich höchst problematische Inhaltsstoff e beinhalten. Sie tragen Kleidung von H&M oder Primark, deren zwielichtige Produktionsstätten in Fern- und Nahost inzwischen in der Wahrnehmung der Meisten angekommen sind, und trinken dabei Coca-Cola aus Plastikfl aschen. Diejenigen unter ihnen, die sich der Splittergruppe extinct rebelion anschließen und mit ihren Forderungen nach radikaleren Lösungen an die Öffentlichkeit treten, werden als linksgrün versiff te Hippies abgestempelt und eher belächelt als medienwirksam wahrgenommen.

Die ganze Bewegung scheint somit in einer identitären Zwickmühle gefangen, die die eigentliche - und notwendige – Motivation der Proteste immer wieder in den Hintergrund rücken lässt.

Die Dringlichkeit der Forderungen bleibt dabei meist auf der Strecke. Die Konsequenzen, die durch den rasanten Anstieg des Meeresspiegels gepaart mit enormen Verschiebungen von Klima- und Vegetationszonen einhergehen, können wir nicht begreifen. Wie auch? Wir sind in einem Umfeld aufgewachsen, dessen klimatische Bedingungen sich in den letzten Jahrtausenden kaum verändert haben. Nur ein Bruchteil der Deutschen hat bereits begriff en, dass der Klimawandel ihr persönliches Leben und das ihrer Kinder und Kindeskinder massiv beeinfl ussen wird. Ja sogar schon längst beeinfl usst. Den Wenigen, die den Klimawandel in seiner katastrophalen Gesamtheit zu verhindern suchen, gilt es zu folgen. Auch wenn das bedeutet, dass alle - auch wir selbst – den Luxus unseren Planeten auszubeuten, wie es uns beliebt, reduzieren müssen.

Selten kam es vor, dass ein so junger Mensch wie Thunberg derartigen Einfl uss auf die globale Politik nehmen konnte. Ihre Rede vor den Vereinten Nationen in New York und ihre Forderungen nach einem strickten Richtungswechsel im Klimakampf werden sie wohl in die Geschichtsbücher eingehen lassen. Die Zeit wird zeigen, ob als Heldin, die den Umschwung brachte oder als verkannte Prophetin.

*Special Eurobarometer 490 Climate Change, September 2019