Die Impfflicht - ein Kommentar

Ein Kommentar zu der an Fahrt aufnehmenden Debatte über eine mögliche Impfflicht in der Gesellschaft zur Bekämpfung der Corona-Pandemie. Von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

Lieutenant Colonel Dr. Robert Neville ist vieles: ein brillianter Wissenschaftler, ein grimmiger Krieger, ein einsamer Wolf. Bewaffnet mit einem vollautomatischen Gewehr und einem Hund als einzigen Begleiter stellt er sich der mutierten Bevölkerung New Yorks entgegen. Skrupellos, heldenhaft und von moralischen Maximen getrieben, kämpft er einen aussichtslosen Kampf gegen ein Heer aus Zombies, hervorgegangen aus einem fehlerhaften Impfstoff gegen Masern.  
Lieutenant Colonel Dr. Robert Neville ist vieles: ein tragischer Held, ein Verkaufsschlager, eine durch Will Smith verkörperte Phantasie eines Drehbuchautors. Er ist nicht der einzige von seinem Schlag, im Gegenteil. Hollywood hat in den letzten Jahrzehnten Unmengen an Helden und ihren Kampf gegen futuristisch anmutende Krankheitsbilder erdacht und auf den Markt geworfen. Brad Pitt in World War Z, Jesse Eisenberg und Woody Harrelson in Zombieland oder eben Will Smith in I am legend. Sie alle verbindet, dass ihre Figur im Blockbuster sowohl moralische als auch physische Hürden mit Witz, Durchhaltevermögen, Waffengewalt und begleitet von mannigfaltigen special effects überwinden kann. So, dass der Zuschauer am Ende des Films mit dem warmen Gefühl aus dem Kinosaal entlassen wird, dass schon alles irgendwie gut gehen wird, dass die Protagonisten die Lage unter Kontrolle bringen und das Überleben unserer Spezies - ohne übermäßigen Hunger auf Gehirn - sichern können werden. 

Vor gut einem Jahr wurden in Wuhan, China Grippesymptome verschiedener Erkrankter erstmals dem neuartigen COVID-19-Virus zugeordnet. Infektionsherd ein Viehmarkt, Überträger angeblich Fledermäuse. In den Wochen darauf: global steigende Infiziertenzahlen, internationale Unsicherheit, lokale Abschottung. Der Stoff, nach dem sich ganz Hollywood die Finger leckt. Nur dieses Mal leider blutiger Ernst. Auch ich, bekennender Fan von ebendiesen Endzeit-Streifen, musste bei den Nachrichten im letzten Winter zwangsläufig an die bevorstehende Apokalypse denken, wappnete mich im Stillen gegen das Schlimmste, glaubte ich mich doch durch manigfaltiges digitales Survival-Training gut auf den Zusammenbruch der Gesellschaft vorbereitet. 
Tatsächlich hielt ich sowohl eine schnelle Bekämpfung der Krankheit als auch die Ausrottung der Menschheit für denkbare Verläufe der Pandemie. Dass sie uns jedoch seit nunmehr einem Jahr in ihrem fesselnden Klammergriff halten würde, kam in meinen schlimmsten Albträumen nicht vor. Doch, genau so kam es schließlich und meine Irritation war groß. Immerhin konnte mein Gehirn nur auf die Informationen zurückgreifen, die es in den letzten 20 Jahren Kino- und Fernseherfahrung sammeln konnte. Wie konnte ein Virus ein derart mächtiger Gegner sein, wenn doch die zu erwartenden Zustände in keinem Fall eintreffen wollten: Weder fuhren nationale Streitkräfte durch die Straßen, wurde die Bevölkerung in gesund und infiziert unterteilt und entsprechend ihrer Diagnose in das eine oder andere Lager gesperrt, noch konnte man Infizierte mit aggressivem oder zumindest seltsamem Verhalten durch entvölkerte Städte jagen sehen.  

Der Horror der Gesamtsituation erschließt sich lediglich aus den Zahlen, die stündlich über Funk und Fernsehen unters Volk gebracht werden. Die ausgestrahlten Werte muten surreal an. So kann man beispielsweise auf der Website des Robert Koch Instituts nachlesen, dass deutschlandweit seit dem Beginn der Pandemie 49.783 Menschen dem Virus tödlich zum Opfer gefallen sind (Stand: 21.01.2021, 21 Uhr). Das entspricht circa der Bevölkerung von Frankfurt (Oder) und ist für mich eine unglaublich große Zahl. Erfährt man nun, dass in Deutschland im Kalenderjahr 2020 insgesamt knapp zwanzig Mal so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gründen verschieden sind, relativiert sich der erste Wert sofort. 

Dass der besorgte Bürger aus diesen Zahlen Erleichterung für seine Ängste zu schöpfen und selbige mit Missachtung der behördlichen Anordnung zu untermauern vermag, scheint mir nun auf einmal beinahe logisch. Schließlich lassen die frames - die Meinungsrahmen – nach denen wir jede Situation bewerten und auf ihre Gefährlichkeit überprüfen, kaum Aufschluss über die tatsächliche Gefährdung zu. Das System ist nicht kollabiert, Elon Musk und Jeff Bezos konkurrieren weiterhin munter um den Titel des reichsten Menschens der Erde und nur den einfachen Bürger scheint das schwere Schicksal der Isolation ereilt zu haben. Und so muss er zuhause bleiben und darf nicht seinen einfachen Freizeitbeschäftigungen nachgehen. Also können wir die tatsächliche Gefahr, die vom Virus ausgehen mag, immer weiter herunterspielen, sodass die Maßnahmen zu seiner Bekämpfung mehr und mehr wie die Unterdrückung des kleinen Mannes anmuten

Nur logisch, dass das Eintreffen eines neuen Helden die Gesellschaft erneut spaltet. 

Denn auch hier handelt es nicht um eine schwer bewaffnete Koryphäe mit Sixpack, sondern um einen Impfstoff. Ein Serum, welches schon vor seiner Zulassung für heftige Diskussionen gesorgt und Menschen weit außerhalb des Lagers der Impfgegner beunruhigt hat. 

Auch an dieser Stelle kann ich die kursierenden Sorgen verstehen. Und das nicht nur, weil es auch hier wieder Beispiele in Film und Fernsehen zu finden gibt, welche auf theatralische Weise das Ende unserer Spezies durch ein verpfuschtes Serum zur Schau stellen. Tatsächlich existieren auch in der realen Vergangenheit Beweise dafür, dass unzureichende Testphasen schwere Nebenwirkungen für breite Teile des Konsumentenfeldes nachsichziehen können. Einer der in Deutschland bekanntesten Fälle ist wohl die Affäre um das Pharmazieunternehmen Grünenthal und ihr Beruhigungsmittel Contergan.  Bei schwangeren Patientinnen führte das Mittel zu massiven Miss- und Fehlbildungen der fetalen Extremitäten, welche die betroffenen Kinder lebenslang einschränken. Dazu kommt eine Vielzahl an Totgeburten, welche ebenfalls den Nebenwirkungen des Medikaments zugeschrieben werden. Für gewöhnlich durchlaufen derartige Präparate und insbesondere Impfstoffe jahrelange Testphasen, in welchen Langzeitfolgen erkannt, abgeschätzt und eventuell beseitigt werden können, bevor die Mittel für den Markt zugelassen werden. Dass dieses Prozedere für den neuen Impfstoff nicht anwendbar war, ist logisch. Schließlich ist das Virus so neuartig, dass bisher keine Langzeitstudien an ihm durchgeführt werden konnten. 

Aber sind die kursierenden Gerüchte über etwaige Horrormutationen überhaupt ernst zu nehmen? 

Ich glaube, in diesem Fall muss zwischen den alteingesessenen Impfgegnern und den neumodischen Zweiflern unterschieden werden. Erstere sind davon überzeugt, dass Impfungen generell schädlich für den menschlichen Organismus sind und daher verboten gehören. Dabei gelten in verschiedenen europäischen Staaten schon seit Jahren diverse Impfpflichten, insbesondere bei Kindern. Masern, Röteln, Mumms und Kinderlähmung sind hierbei die bekanntesten Krankheiten, denen vorgebeugt wird, aber auch Hepatitis B oder Tetanus-Infektionen konnte dank ihrer Impfstoffe großflächig vorgebeugt werden. 

Die Nebenwirkungen dieser etablierten Sera sind dabei meist überschaubar. Selbstverständlich kann der Körper bei einer Grippeschutzimpfung leichte Erkältungssymptome ausbilden. Immerhin werden hierbei abgeschwächte Virus-Eiweisstrukturen injiziert, um den Körper zur Bildung der entsprechenden Antikörper anzuregen. Nebenwirkungen im Contergan-Stil? Fehlanzeige! Allerdings schwankte auch die Effizienz der Impfstoffe, durch die starke Mutationsbereitschaft der Grippe-Viren in den letzten Jahren stark.  Ganz anders also als die Covid-19-Impfstoffe, welche mit einer Effizienz von bis zu 95 Prozent angepriesen werden. 

Woher also kommt sie? Die Angst vor dem Impfstoff, die aktuell aus so breiten Teilen der Bevölkerung zu vernehmen ist? 

Möglicherweise ist sie die Inkarnation eines Gerechtigkeitssinns, welcher sich im vergangenen Jahr immer wieder an asymmetrischen Verordnungen zu Bekämpfung von Corona aufgerieben hat. Vielleicht wollen die Menschen, von denen nicht wenige nach Monaten des Lockdowns am Rand der Existenzlosigkeit harren, nicht schon wieder als Versuchskaninchen im Kampf gegen einen neumodischen Feind herhalten. Man wünscht sich Unterstützung vom Staat und viele empfänden eine Impfpflicht als Gegenteil davon. Oder man hofft auf schlicht mehr Sicherheit in diesen unsicheren Zeiten. Immerhin steht bereits das wirtschaftliche Glück auf Messers Schneide. Will man da auch noch das gesundheitliche riskieren, selbst wenn man selbst und jeder im Freundes- und Bekanntenkreis bisher infektionsfrei geblieben ist? 

Wie also soll das Individuum entscheiden? 

Soll es seine inneren Warnglocken ignorieren und das persönliche Wohl hinten anstellen, um die Gesellschaft zu stützen und eine Rückkehr zur Normalität zu ermöglichen? Soll es sich weiterhin in seinem Heim verschanzen, zunehmend unzufrieden über die Bekämpfung eines unsichtbaren Feindes, die viel weniger heroisch und psychologisch wesentlich belastender abläuft als ein zweistündiger Blockbuster mit Happy End im Kino? Soll es sein Streben nach demokratischer Selbstbestimmung, so populistisch und nationalistisch die Einflüsse sein mögen, die es entfachten, ad Acta legen und einer Impfung, womöglich gar einer Impfpflicht zustimmen, von deren Richtigkeit es nicht überzeugt ist? Oder sollte es jegliche Contenance fahren lassen, um sich vom stetigen Strom aus Wut und Unzufriedenheit bis vor die Wirkungsstätten der Mächtigen tragen zu lassen und dort für einen besseren Weg aus der Krise zu kämpfen? 

Es gilt viele Fragen zu klären. In erster Linie muss man sich entscheiden, wem man sein Vertrauen schenken soll. Sowohl renommierte Pharmaziekonzerne, die schon seit vielen Jahren mit dem Verkauf von nebenwirkungsfreien Arzneimitteln horrende Summen einnehmen, als auch Personen und Medienunternehmen, welche ihre Brötchen mit dem Verbreiten von schillernden und zuweilen wenig wissenschaftlichen Meinungen verdienen, buhlen um die Aufmerksamkeit der Bürger. Beide Parteien haben sowohl gute als auch fadenscheinige Argumente zur Unterstützung ihrer Standpunkte aufgefahren. Die Aufgabe der Politik wird es sein, daraus in den nächsten Monaten eine Rechtfertigung für oder gegen eine Impfpflicht bezüglich des Corona-Virus, herauszuarbeiten. Verfassungskonform wäre so eine Impfpflicht durch § 20, Artikel 6 wohl längst. Dort heißt es:

„Das Bundesministerium für Gesundheit wird ermächtigt, durch Rechtsverordnung mit     Zustimmung des Bundesrates anzuordnen, dass bedrohte Teile der Bevölkerung an Schutzimpfungen […] teilzunehmen haben, wenn eine übertragbare Krankheit mit klinisch schweren Verlaufsformen auftritt und mit ihrer epidemischen Verbreitung zu rechnen ist.“ (Quelle: Bundesministerium für Arbeit u. Soziales)

Die moralischen Verpflichtungen, denen sich diverse Politiker verbunden fühlen, werden dann wohl das Zünglein an der Waage sein. 
 

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