Die Influencer - Ein Kommentar

Eine Einschätzung über das Phänomen „Influencer“ und Ihre unterschiedlichen Rollen in der Gesellschaft. Von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

Im Jahre 1517 nahm Martin Luther die Gefahr die von der katholischen Kirche ausging in Kauf und schlug seine bis heute berühmten 95 Thesen an die Kirchentür in Wittenberg. Mit diesem waghalsigen Akt, motiviert durch den Wunsch nach Gerechtigkeit, brachte der Mönch einen politischen Umschwung ins Rollen, den wir in Deutschland bis heute deutlich spüren können. Durch seine Popularität konnte Luther die Aufmerksamkeit der Bevölkerung auf die Umsetzung seiner Ziele konzentrieren. Er wurde zum ersten evangelischen Influencer aller Zeiten. 

Nur dass,! damals am Ende eines der düstersten Zeitalter europäischer Kultur, niemand diesem Terminus verwendete. Denn selbst im 21. Jahrhundert erscheint der Begriff noch neu. Sicher, wir hören oder lesen ihn regelmäßig, doch was bedeutet er eigentlich? Welche Rolle nehmen die gestriegelten Individuen auf unseren Bildschirmen, dem modernen Equivalenten von Pergament und massiven Eichenbohlen, ein? In meinen jungen Jahren beneidete ich Influencer. So schienen sie mir doch oftmals Menschen ohne erkennbare Talente zu sein, deren einzige Qualifikation darin bestand, in der Bewerbung einer beliebigen Branche eine Nische gefunden und monopolisiert zu haben. Ob da der durchtrainierte Körper in modischer Sportkleidung geschickt neben dem neusten Nahrungsergänzungsmittel platziert oder das weit ausgeschnittene Dekolleté hinter dem Steuer eines neuen Automobils zur Schau gestellt wird, ist dabei eigentlich egal. Wichtig ist nur, dass die Konsumenten (übrigens ein wundervolles Synonym für „wir“) das beworbene Produkt mit Wohlstand und Attraktivität verknüpfen und somit als kaufenswert erachten. 

Ich dachte stets, dass es ein großartiges Geschenk sein müsse, nur durch seine Popularität in den sozialen Medien oder im TV von Konzernen regelmäßig das Neuste des Neuen in den Rachen gestopft zu bekommen. Heute stelle ich mir das Verhältnis zwischen Influencern und kapitalistischer Verkaufsmaschinerie eher wie einen Pakt mit dem Teufel vor. Man erhält die Ware zwar für lau, doch verschenkt gleichzeitig seine Meinungsfreiheit. Denn eine realistische Bewertung eines mangelhaften Produkts sorgt schnell dafür, dass der Hersteller die Exponate der Folgegeneration bereits an andere, weniger kritische Tester verteilt. 

Und eine große Auswahl gibt es tatsächlich. Besonders junge Menschen haben in den letzten Jahren ihre Medienaffinität genutzt, um mit Produktplatzierungen auf ihren persönlichen Accounts und Kanälen Unsummen anzuhäufen. Ich bin regelmäßig überrascht, wie unerfahren oder gar ungebildet man sein kann, um für diese Aufgabe in Frage zu kommen. 
Einzigartigkeit? Unerwünscht! Schönheitsideal-Charakter? Unumgänglich! Anpassung an schier jeden Trend? Für den Erhalt der Konkurrenzfähigkeit dringend notwendig!

Und so schuften tausende Männer und Frauen und mit ihnen eine ganze Nation, um schnellstmöglichst dem neusten Chic zu entsprechen, den aktuellsten Trend zu leben. Letztes Jahr noch gertenschlank, muss heute der Po täglich im Fitnessstudio gequält werden, um ihm die Form eines überreifen Pfirsichs zu verpassen. Der Weg zum Traumkörper wird dokumentiert und mit den Fans geteilt. Nicht ohne die Aufnahmen vor der Veröffentlichung via Bildbearbeitungsprogramm salonfähig zu gestalten. Es wird retuschiert, gefiltert, geschnitten. Am Ende werden künstlerische Produkte veröffentlicht, die die Arbeit eines ganzen Teams sein mögen und nur noch wenig mit dem Schnappschuss gemeinsam haben, der sie zu sein vorgeben. 


Dass nicht ausschließlich, aber insbesondere Influencer dafür verantwortlich sind, dass die Werbung heranwachsenden Mädchen und Jungen schier unerreichbare Schönheitsideale zur Nacheiferung vorlegt, ist bekannt. Dass Menschen mit einer großen digitalen Tragweite auch politischen Einfluss nehmen können, ist mir persönlich erst im Zuge der Corona-Krise deutlich ins Bewusstsein gerückt. 

Ein interessantes Beispiel hierfür stellt der Kochbuchautor Atilla Hildmann dar. 

Vielleicht nicht unbedingt visuell herausstechend, ist es Hildmann gelungen, mit seinen veganen Rezepten für ein gesundes und ausgewogenes Leben großes Interesse in der Bevölkerung zu wecken. Die, durch sein Geschick in der Küche gewonnene öffentliche Aufmerksamkeit nutzt er in den letzten Monaten nunmehr vermehrt zu politischer Einflussnahme. Besonders bekannt ist dabei wohl sein Kanal im russischen Kommunikationsportal Telegramm. Hier kann er, weitestgehend unbehelligt von judikativer Kontrolle, für seine eigenen Vorstellungen von moderner gesellschaftlicher Funktionsweise werben. Dabei bietet er dem Kreis der sogenannten Verschwörungstheoretiker eine Plattform, um die hanebüchensten Behauptungen beispielsweise zum Verlauf der Pandemieentwicklung zu propagieren. Von Quarantäne-Konzentrationslagern wird da gesprochen, von Microchips in Impfdosen oder gar von Kinder-sezierenden, unsterblichen Welteliten. Inhaltlich sei an dieser Stelle der Darstellung von Hildmanns Standpunkten genüge getan. Seine Thesen sind im Internet derart leicht zugänglich, dass ich diesem Gedankengut hier keine weitere Zeile an Aufmerksamkeit zukommen lassen möchte. 

Denn, da sich in Deutschland Meinungsfreiheit auch für rechtspopulistisches Denker weitreichender Gültigkeit erfreut, empfinde ich die moderne Entwicklung um den Schlag Hildmann als besorgniserregend. Natürlich ist es nicht erst seit gestern so, dass Privatpersonen in der Lage sind, größeres gesellschaftliches Interesse zu erzeugen, als amtierende Politiker. Dass die Welten der Medien, der Mode, der Ernährung, des Sports oder der Technik auf Social Media-Kanälen mehr Aufmerksamkeit generieren, als Übertragungen aus dem Bundestag ist ebenfalls nicht neu. 
Dass sich Menschen jedoch in so großer Anzahl von beiläufig aufgegriffenen Gerüchten derart polarisieren lassen, ist gerade jetzt, wo dem Einzelnen kaum etwas anderes übrigbleibt, als eingepfercht in seinen eigenen vier Wänden stundenlang frustriert aufs Smartphone zu starren, wahrscheinlich schlimmer denn je. Ich selbst nehme mich von diesem Vorwurf nicht aus.

So folge ich ebenfalls Kanälen, die gesellschaftlichen Umschwung propagieren und auf internationale Verfehlungen oder gar Verbrechen großer Konzerne und Regierungen aufmerksam machen. 

Allerdings unterscheiden sich diese Kanäle in mehrerlei Hinsicht von Marktschreiern wie Hildmann: Sie sind bemüht für ihre Vorwürfe Quellen und Belege zu liefern, um ihre Glaubwürdigkeit zu stützen, meist kämpfen sie für die Erhaltung von Natur und Umwelt oder die internationale Stärkung der unteren Gesellschaftsschichten, sie polarisieren zwar, doch rufen eher zum friedlichen Protest oder zumindest zur intensiven inhaltlichen Auseinandersetzung, nicht aber zum Sturm auf den Reichstag auf und vor allem erfreuen sie sich nicht der gleichen Nationalen Aufmerksamkeit wie so manch ein rechtspopulistischer Kanal. 

Diese Gegenüberstellung ist wichtig, will man tatsächlich das Feld der Influencer kategorisieren. Immerhin riecht es bereits verdächtig nach Doppelmoral, wenn ich nun politische Aktivisten des einen Lagers für ihre digitale Arbeit lobe und andere als populistische Versuchungen verteufle. Deshalb noch einmal verallgemeinert: Digitale Meinungsmache ist dann gut und wichtig, wenn sie dafür sorgt, dass den Eliten heimliche Kontrollausübung verwehrt bleibt. Etwa, wenn Greenpeace auf die Pläne des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro aufmerksam macht, große Teile der restlichen Regenwaldflächen schnellstmöglich zu roden und als Ackerland nutzbar zu machen. 

Problematisch wird digital influencing erst dann, wenn es nicht mehr auf Fakten basierend auf Missstände in der Gesellschaft aufmerksam macht, sondern direkt an die Ängste und Nöte der Konsumenten appellierend, die Ratio des Lesers umschifft und lediglich emotionale Reaktionen provoziert. Diese sind dann oftmals nicht reflektiert genug, um eine konstruktive Auseinandersetzung mit einem Streitpunkt zu ermöglichen und erzeugen oftmals Gewalt und Schäden an unsinniger Stelle. So sehe ich beispielsweise Corona-Demonstranten, die ohne Atemschutz und Mindestabstand auf dem Alexanderplatz demonstrieren eher im emotional gesteuerten Lager angesiedelt. Deshalb ist es auch so schwierig mit ihnen umzugehen und die Polizei hält für ihr Vorgehen hier ausnahmsweise einmal meine volle Unterstützung.

Andere, weniger liberale Staaten gehen mit der Problematik des politisierenden Influencers übrigens ganz anders um. 

So vermeidet beispielsweise das Emirat Dubai negative Presse, indem es ein Programm ins Leben gerufen hat, welches internationalen Influencern ein Luxusleben inklusive hochwertiger Geschenke und Steuerfreiheit anbietet. Diejenigen, die sich hierfür entscheiden, erhalten alle Vorzüge, die ein Leben in den Wellness-Oasen inmitten der großen arabischen Wüste beinhaltet. Im Gegenzug verpflichten sich die Influencer dazu lediglich positive Propaganda über Dubai und die Vereinigten Arabischen Emirate in den digitalen Umlauf zu bringen. Die Menschenrechtsverletzungen die die Emirate im großen Stil nach wie vor betreiben, bleiben dabei bewusst außenvor. Auf den Kanälen der Gekauften (zu denen auch eine nicht unerhebliche Anzahl Deutsche zählen) sind dann lediglich die architektonischen Meisterwerke und touristischen Verlockungen des Landes abgebildet, welche die Emirate fast wie ein Erste-Welt-Land wirken lassen. 

Es bedienen sich also nicht nur große Konzerne des Einflusses der Influencer. Auch politische Aktivisten und sogar die Regierungen von Staaten können auf die Sozialen Netzwerke zurückgreifen, um unterschwellig durch die Präsentation von Produkten und Schönheitsidealen oder gar mit offenem Visier durch das Propagieren populistischer Thesen die Aufmerksamkeit der Zielgruppe in eine gewünschte Richtung zu lenken. Wahrscheinlich war dieser Prozess zu erwarten. Sicher lässt er sich nun nicht mehr ungeschehen machen. Wir Konsumenten müssen nun, wollen wir schwer zu beeinflussen sein, jeden Post, jeden Tweet, jedes Urlaubsvideo unseres Lieblings-Online-Stars kritisch beäugen, seine Echtheit hinterfragen und die propagierten Fakten gegenprüfen. Ansonsten laufen wir Gefahr, die Bodenhaftung zu verlieren und in der Realitätsferne von Social Media den Bezug zur Wirklichkeit zu verlieren. 
 

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