Dont Legalize it

Eine Gegenrede zu der Kollumne "Legalize It"

Meine Zeit als Zivildienstleister ist nun schon etwas her. Über ein Jahrzehnt hätte ich jetzt eigentlich Zeit gehabt, die Eindrücke von damals als interessante, aber dann doch nicht für meinen weiteren Lebenslauf prägende Kuriosität zu verarbeiten. Dass Sie mich dennoch bis heute so beschäftigt, liegt einzig und allein an der Tätigkeit, dem Ort und den Menschen, mit denen ich damals zu tun hatte. 

Als in einem Drogentherapiezentrum Arbeitender kommt man Tag für Tag mit dem in Kontakt, was man allgemeinhin als vollständigen Kontrollverlust bezeichnet. Aufgrund der Sensibilität  der Sache darf ich - noch heute - nicht im Einzelnen zu detailliert über die Schicksale berichten, doch egal ob direkt in der Klinik, der Entzugsstelle, der Einrichtung für die Kurzzeittherapie oder der Langzeittherapie - bestimmte Muster ähnelten sich an jeder Stelle, in jeder Form und beinahe bei jedem „User“.

Es ist richtig, Alkohol als die Volksdroge Nummer 1 zu bezeichnen. Als Genussmittel ist er omnipräsent in unser aller Gegenwart und wird als Werbeträger für diverse, oftmals positive Botschaften genutzt. Wer erinnert sich nicht an die Zeit, als man mit dem Kauf eines Kasten Bieres etwas für die Rettung des Regenwaldes tun konnte? Eines der sich häufig ähnelnden Muster war daher ein übermäßiger - oftmals frühzeitiger - Alkoholmissbrauch. Das zweite Muster war der Konsum von Cannabis. Beide Drogen, manchmal nur für sich, sehr häufig zusammen, wurden als der Einstieg in die Abhängigkeit regelmäßig identifiziert. In welcher Ausprägung sich das anschließende Leben in der Sucht dann abspielte variierte stark. Welche härtere Drogen wurden nach oder zusätzlich zu Cannabis und Alkohol konsumiert? Folgte Beschaffungskriminalität oder Prostitution zur Finanzierung der Sucht? All dies waren und sind Dinge die nicht  allgemeingültig beantwortet werden können - was ich mir, ohne die fachliche Qualifikation, auch gar nicht anmaßen wollte zu versuchen - doch der Start wurde von dem medizinischen und therapeutischen Personal häufigst gleich identifiziert: Alkohol und Cannabis. 

Nun konsumieren Millionen von Menschen diese Stoffe täglich. Der Einwand, dass beide doch gar nicht automatisch süchtig machen, ginge einem leicht von der Zunge. Zu bedenken geben möchte ich daher nur: Ja, nicht jeder Mensch der Alkohol und Cannabis konsumiert wird zu einem Süchtigen. Doch so gut wie jeder Süchtige beginnt seine Sucht mit Alkohol und Cannabis.

In den letzten Jahren ging der Alkoholkonsum in Deutschland stetig zurück. Das betrifft nicht nur die allgemeine in Liter gefasste Zahl, die bereits seit den siebziger Jahren rückläufig ist, sondern insbesondere auch den Konsum von Alkohol bei Jugendlichen. Hier liegt die Zahl derer, die mindestens einmal pro Woche Alkohol trinken inzwischen bei unter 10%, wogegen es noch über 20% vor knapp 15 Jahren waren. 

Ein wichtiger Grund ist die Aufklärungsarbeit

Seien es Werbeplakate, „Kenn dein Limit“-Botschaften, Schock-Videos ausgestrahlt zur besten Sendezeit oder ganz altmodisches Thematisieren im Klassenunterricht. Der vernünftige, bewusste Umgang mit Alkohol wird seit Jahren mit unzähligen Förderprogrammen und vielen Millionen an Geldern gelehrt. Noch ist viel zu tun, aber eines ist bereits sicher: Die Richtung stimmt. 

Dass Aufklärung funktioniert, sehen wir übrigens nicht nur an dem rückgängigen Alkoholkonsum.Auch die Tabakindustrie ist Änderungen unterworfen. Waren es im Jahr 2000 noch knapp 140 Millionen gerauchte Zigaretten, hat sich die Zahl bis in das Jahr 2018 fast halbiert, auf zuletzt 74 Millionen.  Ein Werbe- und Rauchverbot sowie starke abschreckende Maßnahmen, die noch während dem Griff zur Zigarette auf der Packung vor den Gefahren warnen, haben sich als erfolgreich erwiesen. Vor kurzem wurden die Einschränkungen hier nochmals verschärft und ein weiterer Rückgang ist somit zu erwarten.

Doch wie sieht es mit Cannabis aus? Hier ist ein anderer Trend zu beobachten. Die Zahl der Konsumenten, gerade bei Jugendlichen, steigt. Innerhalb des letzten Jahrzehnt hat sich die Anzahl der befragten Jugendlichen, die im Jahr Cannabis konsumierten verdoppelt und liegt nun bei über 20%. Die Entwicklung verläuft sozusagen spiegelbidlich zu der des Alkohol - oder Tabakkonsumes. Was ist anders?

Der wichtigste Grund dürfte sein, dass konsequente, augenöffnende Aufklärung zu  Cannabiskonsum eben noch nicht die Reichweite und Regelmäßigkeit angenommen hat, wie die Aufklärung zu den Gefahren des Alkohols oder Tabaks. Zwar belegen Studienergebnisse in verlässlichem und wiederholtem Maße die Gefährlichkeit, doch sind das Zitieren von Fachtexten als aufklärerische Maßnahme eben nicht auf die gleiche Weise fühlbar wie tatsächliche Kampagnen, mit denen Gefahren in teils sehr drastischer Weise offengelegt werden. Absätze in Broschüren darüber, dass Cannabis induzierte Psychosen gefährlich seien, regen eben nicht auf die gleiche Weise zum Umdenken des Konsumes an, wie ein Video von alkoholkranken, die in ihrem eigenen Erbrochenen aufwachen.  Aufklärungskampagnen über die Gefahren des Cannabiskonsums sollten daher mindestens ebenso präsent sein und gefördert werden wie über Alkohol und Tabak. 

Fazit

Der Griff zu Genussmitteln sollte eine bewusste Entscheidung sein, kein durch Sucht getriebenes Verlangen. Und das bedeutet, dass vor einer Legalisierung und erlaubten Freiverkäuflichkeit von einem weiteren Suchtmittel wie Cannabis dieses Mal zuerst die Aufklärungsarbeit stehen sollte. Eine Legalisierung zu fordern und als Argument auf die ähnliche Gefährlichkeit von Alkohol oder Tabak zu verweisen, ist nicht stichhaltig, da hierbei außer Acht gelassen wird, mit wie viel Aufwand, Geld und Zeit über diese beiden Genussmittel erfolgreich aufgeklärt wird, was sich im Rückgang des Konsumes widerspiegelt. Eine Aufklärung, die genau aus dem Grund erfolgt, weil es eben potenziell gefährliche, frei verkäufliche Stoffe sind, denen viele zum Opfer gefallen sind und noch immer fallen. Eine Aufklärung, die in dieser Form für Cannabis eben nicht existiert und dessen Fehlen durch die stetig steigenden Zahlen nur umso nötiger wird.