Legalize it

Eine Einschätzung zur Legalisierung von Cannabis von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

Im Dezember 1933 endete in den Vereinigten Staaten von Amerika die Prohibition. Gerade mal ein Jahrzehnt zuvor war dort die Produktion von Alkohol verboten worden. Die Idee war es, die Menschen vor der zerstörerischen Flüssigkeit zu schützen. Seitdem waren im ganzen Land unzählige geheime Brennereien aus dem Boden geschossen, in denen Schnaps gebrannt und an den überforderten Gesetzeshütern vorbei unters Volk gebracht wurde. Schnell musste den politischen Verantwortlichen klar werden, dass sie einem derart breit angelegten Verlangen der Bevölkerung  nach dem berauschenden Zellgift nicht im Weg stehen konnten und so wurde das Verbot wieder aufgehoben. Alkohol ist möglicherweise die Droge, mit der die Menschheit die längste gemeinsame Vergangenheit verbindet, möglicherweise mit Ausnahme von Zucker. Verschiedene Hochkulturen nutzen schon tausende Jahre vor Christi Geburt die Säfte fermentierter Früchte zur Berauschung. Im Mittelalter zählten in Europa je nach Stand bereits Bier und Wein zum täglichen Speiseplan und Heutzutage besteht ein für die Allgemeinheit leicht zugängliches Angebot verschiedenster alkoholischer Getränke in jedem Einzelhandel. 

Doch auch, wenn Alkohol laut unseres Gesundheitsministeriums mit 74.000 Todesfällen pro Jahr nach Tabak (120.000 Tote/Jahr) Deutschlands zweittödlichste Droge ist, ist Markt an berauschenden Substanzen in den letzten Jahrzehnten um einiges reicher geworden. Chemische Drogen etwa haben sich in den Szenen der großen Städte etabliert und versprechen einen ganzen Regenbogen aus Emotionen, Spaß und Energie. Dass der Rausch durch solche Substanzen trotz weitaus niedrigerer Todeszahlen (1393 Verstorbene im letzten Jahr) ebenso gefährlich ist wie der aus Alkohol, zeigen die unzähligen Verbote, mit denen die Bundesregierung den Verkauf dieser gefährlichen Mittel zu unterbinden versucht. Doch liegt es tatsächlich an der Gesundheitsschädlichkeit von Ecstasy, LSD und co., dass sie in Deutschland verboten sind? Haben es die Verantwortlichen ausschließlich auf unseren Schutz abgesehen, wie damals in den USA? Diese Argumentation wirkt etwas fadenscheinig, stellt man ihr die Zerstörungskraft von Alkohol und Tabak gegenüber.

Besonders fragwürdig erscheint dann insbesondere das Verbot des Cannabis-Konsums. Aus den Blütenblättern der weiblichen Hanfpflanze gewonnen, hat Marihuana inzwischen einen großen Teil des (illegalen) Drogenmarktes für sich erobern können. Schon vor tausenden Jahren von Naturvölkern auf Grund seiner schmerzlindernden und heilenden Wirkung genutzt, finden sich Marihuana-Konsumenten heutzutage in jeder Gesellschaftsschicht, überall auf der Welt. Die Behörden gehen davon aus, dass besonders junge Menschen für den Verbrauch zu begeistern sind. Angeblich raucht jeder vierte Jugendliche zwischen 18 und 25 Jahren Marihuana, die Dunkelziffer mag dabei deutlich höher liegen. Der ursprüngliche medizinische Gedanke ist dem Rauschkonsum inzwischen weit untergeordnet worden. 

Anders als beim Alkohol, scheint bei Marihuana der Tod durch eine Überdosis ausgeschlossen. Dennoch existieren auch hier Risiken. Viele Forscher gehen beispielsweise von nachhaltigen psychischen Belastungsstörungen, einer Einschränkung der Hirnentwicklung bei Kindern oder Jugendlichen und der mangelhaften Funktion von Synapsen nach längerem regelmäßigem Konsum aus. Zudem belegen Studien, dass in einigen Kreisen das Sympathisieren mit dem Konsum von chemischen Drogen auf die Akzeptanz von Cannabis folgt. Zweifelsohne klingen diese Symptome wenig empfehlenswert, noch angenehm. Die Schadhaftigkeit von Marihuana für den menschlichen Organismus ist weiten Teilen der Gesellschaft bekannt und rechtfertigt ihnen gegenüber die bestehenden Verbote.
Hirnschäden, Herzinfarkte, Leberzirrhose, Krebs besonders im Magen und Darmbereich, Impotenz und Nervenversagen sind ebenfalls Symptome – allerdings die des regelmäßigen Alkoholkonsums. Ethanol ist ein Nervengift. Es greift die Zellen jeglicher Art an und zerstört sie mit gewissenhafter Effizienz. Wieso also ist es möglich, dass der Konsum von Alkohol in Deutschland immer noch legal, der von Marihuana jedoch nach wie vor verboten ist? 

Meiner Meinung nach ist die Antwort hierfür wie sooft in der Wirtschaft zu finden. 

Viele Konzerne haben sich mit dem Vertrieb von Alkohol oder auch von Tabakwahren zu Global Playern aufgeschwungen. Der jahrtausendelang währende Konsum hat Ethanol zur Volksdroge gemacht. Es liegt also in der Natur der Dinge, dass zu Zeiten des Kapitalismus  viele aus diesem Umstand Gewinne erzielen wollen. Ginge man nun aber davon aus, dass durch eine Legalisierung von Cannabis die Konsumentenzahl stark ansteigen und immer mehr Menschen an Stelle des Feierabendbiers den Feierabendjoint wählen würden, könnte das womöglich negative Auswirkungen auf den Absatzmarkt der Brennereien haben. Diese möchten ihr Monopol natürlich nicht teilen.Will man sich nun davon überzeugen, dass starke Lobbys alles zu tun bereit sind, um ihre Branche so valide wie möglich zu halten, schaue man sich den Umgang mit der Auto-Lobby oder Tech-Giganten wie Amazon und Apple in Deutschland an und urteile selbst, ob die Entscheidungen der Bundesregierung eher zugunsten der Managerebenen der Konzerne oder  zugunsten des Verbraucherschutzes ausfielen. Dann, so scheint es, erhält man schnell eine eindeutige Antwort auf die Frage, ob ein Bestehenbleiben der Gesetzeslage zum Cannabisverbot eventuell der Alkohollobby in die Karten spielen würde. 

Dabei wäre die Legalisierung und Kontrolle der Marihuana-Produktion durch den Staat nicht nur wirtschaftlich, sondern auch aus Verbraucherschutzperspektive eine wahre Goldgrube. Das hat verschiedene Gründe: Zum einen könnte die Bundesregierung durch die Versteuerung des Verkaufs Gewinne erwirtschaften, anstatt durch die Verfolgung des illegalen Vertriebs Unsummen an Kosten zu generieren.  Und zum anderen böte der Anbau und Verkauf durch geprüfte und lizensierte Händler den optimalen Verbraucherschutz. Nicht nur, dass der Verkauf an Minderjährige besser unterbunden werden könnte. Ein wesentliches Problem beim Erwerben illegaler Drogen ist das Überprüfen der Reinheit. Den Dealern steht ein schier endloses Repertoire von Haarspray bis hin zu Glasstaub zur Verfügung, um die Substanzen zu strecken und so den Verkaufspreis zu erhöhen. Diese beigemischten Zutaten bergen besonders bei Marihuana oft ein erheblich größeres Gesundheitsrisiko als die Droge an sich. Bei einem Verkauf unter staatlicher Kontrolle könnte ein entsprechendes Verhalten unterbunden und Schäden an den Verbrauchern verhindert werden. 

Ob die Konsumentenzahlen bei einer Legalisierung von Marihuana steigen würden, ist zudem nicht gewiss. Vielmehr scheint besonders bei jungen Menschen der Reiz des Verbotenen oftmals den Einstieg in die Drogensucht zu ebenen. Sicher ist jedoch, dass, will man dem Menschen sein Recht auf Selbstbestimmung erhalten, man ihn frei wählen lassen sollte, mit welcher Substanz er seinen Organismus nachhaltig zerstören möchte. Auf keinen Fall aber sollten Meinungen auf Basis von durch Konzerne manipulierten Gesetzten gebildet werden. Wir leben in einem Zeitalter, in dem Wissen nur ein paar Klicks entfernt darauf wartet, abgerufen zu werden. Und jede Droge, egal ob Alkohol, Tabak oder Marihuana verdient es, vor dem ersten Konsum einmal gründlich unter die Lupe genommen zu werden. Harmlos sind sie alle nicht.