Political Correctness auf Abwegen?

Eine Einschätzung über die Entwicklung der Sprache in der modernen Gesellschaft von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

Das ist doch behindert! 

Ein Ausruf, wie ihn sicherlich jeder schon einmal vernommen hat und welcher im modernen Sprachgebrauch wohl kontroverser nicht sein könnte. Immerhin sind wir im Deutschland des 21. Jahrhunderts scheinbar händeringend darum bemüht, Diskriminierung von Minderheiten aus unserem Alltag und somit auch aus unserer Sprache zu verbannen. So also wohl auch das Adjektiv „behindert“ in Bezug auf alle Aussagen, die eben nicht geistige oder körperliche Behinderungen von Mitmenschen zum Ausdruck bringen sollen, sondern selbige in ein beleidigendes Licht rücken. Es scheint eine weitläufige Übereinkunft darüber zu herrschen, dass gewisse Termini eben lediglich die Sache selbst bedeuten, eventuell sogar gar nicht verwendet werden sollte. 

Sicherlich ist dies insgesamt eine gute Einstellung. Begriffe wie Kanake werden durch deutsche Sprecher sicher weitaus öfter in negative Kontexte gesetzt, als dass mit dem Wort tatsächlich eine wohlwollende Intention des Sprechers einhergeht. Das gleiche gilt für das Wort Neger, dessen menschenfeindliche und unterdrückende Bedeutung noch viel weiter zurückreicht und dessen Konnotation im Laufe der Jahrhunderte als Sinnbild für die Unterdrückung und Versklavung eines gesamten Kontinents diente. Schreckliche Menschen haben sich in der Vergangenheit der Worte einer Sprache bedient, um ihre Gräueltaten zu propagieren und für ihre korrumpierten Lehren zu werben. Worte, deren ursprüngliche Bedeutung eine neutrale oder positive gewesen sein mag. So sei Kanaka einst ein altes polynesisches Wort für Mensch, Neger eine Abwandlung von schwarz in den romanischen Sprachen gewesen. Trotz ihrer ursprünglichen Bedeutung bleiben die beiden Worte in einem sehr schlechten Licht bestehen. Die einzigen Gruppen, die mit diesen Begrifflichkeiten hausieren dürfen, ohne sich Diskriminierungsvorwürfen erwehren zu müssen, sind die Bezeichneten selbst. Insbesondere Schwarze Menschen haben die für sie erdachten Fluchworte monopolisiert und als Marker für die Zugehörigkeit ihrer sozialen Gruppe entlehnt, also zweckentfremdet. Außenstehenden, insbesondere Weißen, ist der Gebrauch per Verhaltensnorm nun hingegen strengstens verboten. 

Doch zurück zum Anfang. Will man ein Wort wie „behindert“ nicht verwenden, weil man löblicherweise der Diskriminierung anderer vorbeugen will, muss man sich zwangsläufig nach Alternativen umsehen. Bei behindert mag das leicht fallen. Das ist doch schlecht, doof, blöd oder bescheuert zu sagen, verändert die Aussage des Satzes kaum und signalisiert weiterhin deutlich den Unmut des Sprechers über einen bestimmten Umstand. 

Allerdings lassen sich auch in allen genannten Alternativen diskriminierende Wortbedeutungen finden. Blöd und doof sind offensichtlich in der Lage, Menschen als weniger gebildet vielleicht sogar als geistig behindert darzustellen. Denn ihre Wurzeln liegen viel weiter in der Vergangenheit als die Klassifizierung von kognitiven Einschränkungen durch ärztliches Fachpersonal als geistige Behinderung. 

Früher war jemand mit derartigen Symptomen eben ein Trottel oder Dummkopf. 

Erst die intensive Forschung an Erkrankungen oder Erbfehlern in den menschlichen Schaltzentralen in den letzten Jahrzehnten hat neue Denkansätze ins Rollen gebracht und sicherlich maßgeblich für einen toleranteren Umgang mit behinderten Menschen gesorgt. Denn auch, wenn in diesem Punkt sicher noch ein weiter Weg zu gehen ist, hat die bisherige Entwicklung doch dafür gesorgt, dass die oben genannte Begriffe nicht mehr explizit beleidigend im Sinne ihrer ursprünglichen Bedeutung, sondern vielmehr als Ausdruck eines bestimmten Gefühls verwendet werden. Auch für positive Emotionen gibt es diese Beispiele. So beschrieb das Adjektiv toll vor nicht allzu langer Zeit noch einen Menschen, dessen Verhalten heutzutage wohl als verrückt betitelt werden könnte. 

Sprache befand sich seit jeher im Wandel. Wortbedeutungen verformen sich ständig. Jeder Sprecher fügt dem stetigen Strom der Veränderung seinen eigen kleinen Tropfen an individueller Aussprache, Verwendungszweck und Wirkungsabsicht hinzu. Bedienen sich ausreichend viele Sprecher ähnlicher Konnotationen, wird die Sprache in ihrem Interesse angepasst. Sie funktioniert nur durch den Austausch verschiedener Individuen und unsere Hirne sind darauf programmiert, die gesprochenen Worte unserer Mitmenschen zu analysieren und zu adaptieren. Jedem ist sicherlich schon einmal bewusst geworden, dass er sich ganz beiläufig die Lieblingsfloskel des besten Freundes oder den vorherrschenden Dialekt des Urlaubsziels angeeignet hat. 

In dieser Wandelbarkeit liegt die größte Stärke der Sprache gegenüber diskriminierenden Motiven. 

Denn wenn ihre Sprecher die richtige Intention verfolgen, können sie auf lange Sicht die negative Konnotation von Begriffen ganz automatisch auflösen. Die Begriffe könnte wieder ihrer ursprünglichen Bedeutung zugeführt und folglich nicht mehr zur Verletzung von Emotionen oder gar zur Hetzte eingesetzt werden. 

Und genau an dieser Stelle sehe ich das Problem der modernen Political Correctness. Viele Menschen in meinem Umfeld, die sich für gebildet, aufgeschlossen und tolerant halten, bedienen sich einer Ächtungsmethodik. Das heißt, dass sie Begriffe, die sie für diskriminierend halten, kategorisch aus ihrem Sprachgebrauch verbannen. An sich eine ausgesprochen effiziente Taktik, um das eigene Gewissen rein zu halten. 

Allerdings überlassen sie mit dieser Strategie den Sprechern, die die verpönten Begriffe tatsächlich mit diskriminierender Intention verwenden, geradezu freiwillig das Schlachtfeld. Eine prognostizierbare Folge hiervon wäre wohl, dass zwar einerseits die Begriffe an Verwendungshäufigkeit verlieren, also zwar immer seltener auftauchen, aber ihre negative Konnotation weiterhin halten, wenn nicht gar intensivieren. Sie werden zum Monopol von rassistischer Propaganda, die sich ihrer Schockwirkung bedient, um für die eigenen ignoranten Ansichten zu werben. 

Deutschland ist spätestens seit dem Fall des Dritten Reiches intensiv um eine multikulturelle und liberale Einstellung bemüht. 

Die Gleichheit aller Menschen ist im Grundgesetzt verankert und es laufen unzählige Antirassismus-Kampagnen. Auch die Eliten vieler anderer Industrienationen geben sich betont offen gegenüber alternativen Lebensstilen und den individuellen Bedürfnissen der Bürger. So ist beispielsweise die Eheschließung bei homosexuellen Paaren seit einigen Jahren in weiten Teilen Europas zulässig.

Zuletzt wurden jedoch plötzlich wieder andere Stimmen laut:  Rechtspopulistische Parteien erstarkten vielerorts in der EU und konnten in den meisten nationalen Parlamenten Sitze, wenn nicht gar die Regierungsfunktion an sich reißen. Woran liegt nun diese gegenläufige Bewegung zur eigentlichen Richtung des weltpolitischen Strebens? Wollen Menschen am Ende vielleicht gar nicht tolerant sein? 

Das Problem ist wohl wie so oft ein instinktives. Der Selbsterhaltungstrieb des modernen Mitteleuropäers ist schon lange in eine Art Dämmerschlaf verfallen. Nahrung und Schutz gibt es für einen großen Teil der Bevölkerung im Überfluss und die Herausforderung besteht längst nicht mehr darin zu überleben, sondern bestmöglich zu leben. Als nun vor einigen Jahren die Geflüchtetenströme in Richtung Europa drastisch zunahmen, sahen sich die verschlafenen Instinkte der hiesigen Bevölkerung auf einmal einer Bedrohung gegenüber, die sie nicht einzuordnen vermochten. Der mediale Kommerz-Krake tat seinen Teil und plötzlich schien das Eintreffen derer, die in Erscheinung und Gen-Pool den Ansässigen so ähnlich sind, dass aus einer biologischen Perspektive keinesfalls von unterschiedlichen Gattungen gesprochen werden kann, wie eine fremdartige Bedrohung unabschätzbaren Ausmaßes. Sogar die Reaktion auf die vermeintliche Bedrohung verlief in einigen Fällen in primatenhafter Manier und so erfahren Geflüchtete vielerorts unbegründet Übergriffe durch Einheimische. 

Die breite Masse derer, die ihren Instinkten folgten, verhielt sich jedoch systemkonform und führte über demokratische Strukturen den oben genannten Machtwechsel herbei. 

Dieses Beispiel verdeutlicht abgesehen von der Sinnbefreitheit rechtspopulistischer Anhängerschaft das vielleicht grundlegendste Problem für moderne Toleranz. 

Menschen haben, trotz komplexer moderner Sozialstrukturen das instinktiv schreckhafte Verhalten eines Beutetiers nie wirklich ablegen können. 

Uns ist es lediglich gelungen, ein Bewusstsein zu entwickeln, welches unsere Reflexe zu unterdrücken vermag, solange die Umweltreize nicht überhandnehmen und ein Schreckmoment oder eine unbekannte Bedrohung unsere Ratio beiseite fegt. Und fremde Menschen stellen in der modernen Gesellschaft scheinbar die größte potenzielle Bedrohung für Heim und Familie dar. 

Allgemein gesprochen ist es daher wohl fraglich, ob sich Rassismus und Intoleranz gesellschaftlich gänzlich ächten lassen. Und da wir unsere kognitiven Fähigkeiten eng an unseren Sprachgebrauch geknüpft haben, wird es wohl auch immer negativ konnotierte Begriffe geben, die dazu dienen, andere Menschen zu diffamieren und dem Sprecher unterzuordnen.

Und vielleicht rechtfertigt eben dieser Gedanke eine übermäßige politische Korrektheit. Denn wenn wir Termini aus unserem Wortschatz entfernen, deren diskriminierende Bedeutung uns bewusst ist, auch wenn sie niemals in unserer persönlichen Sprechintention enthalten wäre, dann konditionieren wir vielleicht doch irgendwann Stück für Stück diejenigen, denen es nicht gelingen will, sprachliche Facetten von der gesellschaftlichen Realität des 21. Jahrhunderts zu unterscheiden. Im Gegenzug würden dann jedoch womöglich Teile unserer Sprache unwiederbringlich verloren gehen, welche sie wenn auch nicht besser, dann zumindest vielseitiger machten. So oder so wird es schwierig sein, den richtigen Mittelweg zu finden. 

Als Linkshänder werde ich mich auch weiterhin nicht davon stören lassen, wenn falsche Dinge als link und gute als recht bezeichnet werden. 

Jede Frau wird für sich entscheiden müssen, ob sie schlechte Umstände dämlich und gute herrlich finden will, denn die Begriffe stammen aus den hochsprachlichen Geschlechterbezeichnungen. 

Ob man also Kanake sagt, weil Menschen mit orientalischem Hintergrund im eigenen Umfeld dasselbe tun und man damit keinerlei Groll gegenüber anderen zum Ausdruck bringt oder es nicht tut, weil man Angst hat für einen schlechteren Menschen gehalten zu werden, als man ist, ist die eine Sache. Die andere ist es, durch die eigenen Taten in der modernen Gesellschaft Veränderung zu schaffen, die es Ausgegrenzten jeder Gruppe erleichtert, Teil des großen Ganzen zu sein. 

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