Rassismus und Kapitalismus

Über die sinnlosigkeit des Rassismus in einer kapitalistischen Welt.

Die Akzeptanz sozialer Ungerechtigkeit scheint ein bestimmender Wesenszug menschlicher Gesellschaften geworden zu sein. Durch das Aussterben absolutistischer Machtstrukturen und dem Erstarken des Kapitalismus als global geltendes Wirtschaftssystem, hat sich die Perspektive, aus der soziale Ungerechtigkeit in der Bevölkerung ausgeübt wird, grundlegend verändert. War für die meiste Zeit unserer kulturellen Entwicklung die Erbfolge einzelner Familien Legitimation zur Machtausübung eines Bruchteils über die Massen vollkommen ausreichend, so finden wir heute monarchistische Prinzipien durch individuellere Machtergreifungsmöglichkeiten ersetzt.  Schließlich – so die Theorie – wird im Kapitalismus jedes Individuum zu Wohlstand und Einfluss gelangen, kann es sich nur bestmöglich an die Bedingungen von Angebot und Nachfrage anpassen. Hierbei ist impliziert, dass der eigene Vorteil immer auch eines Anderen Nachteil darstellen muss. Zwietracht und Missgunst strömen also nun nichtmehr zwangsläufig zwischen einem adelsbedingten Oben und Unten, sondern zudem waagerechter innerhalb der einzelnen Gesellschaftsschichten. Herkunft und Geschlecht verlieren immer mehr an Bedeutung.

Doch diese Entwicklung hat auch positive Seiten. Denn durch die Globalisierung und die Mühen moderner Demokratien gelangen nun Menschen in einen Topf, deren Stände vor 200 Jahren noch kaum Berührungspunkte hatten. So müssen sich zwangsläufig neue, pluralistische Machtverhältnisse bilden. Insgesamt lebt heutzutage in Europa ein weitaus geringerer Prozentsatz der Bevölkerung in Armut oder gar in Hunger als noch im Mittelalter. Leider kommen einige damit nicht zurecht. Ihre konservativen Wertekonstrukte lassen sich kaum anpassen. Sie versuchen, alte Machtstrukturen zu reanimieren, um sie auf die moderne Wirklichkeit zu projizieren, möglicherweise um ihren eigenen armseligen Stand aufzuwerten. Und so kommt es immer noch viel zu oft zu Gewaltausübung physischer oder psychischer Natur gegen vermeintliche Fremde, die eigentlich längst zu Mitmenschen geworden sein sollten. 

Die globale mediale Aufmerksamkeit liegt in den letzten Wochen zurecht erneut auf einem Teil der Bevölkerung, der schon seit vielen Jahrhunderten unter den herrschenden Machtverhältnissen leidet. Ursprünglich dem afrikanischen Kontinent entstammend, wurden im Zuge der Kolonialisierung abertausende Männer, Frauen und Kinder ihrer Heimat entrissen und in eine ihnen komplett unbekannte Umgebung verschleppt. Ihre Nachfahren bilden heute einen wesentlichen Teil der US-amerikanischen Gesellschaft und sind auch heute noch tägliches Ziel von Schikane und Gewalt.

Der Menschenraub an den Völkern Afrikas stellt den Höhepunkt des Sklavenhandels und der damit verbundenen systematischen Unterdrückung von Menschen untereinander dar. Die Entdeckung des amerikanischen Kontinents und das Entstehen eines Wirtschaftsapparates nie gekannter Ausmaße in den dort gegründeten Kolonien bedurfte einer gigantischen Menge an Arbeitskraft. Da sich das Potential der neuen Welt kaum von den spärlich eintreffenden Siedlern ausbeuten lies, griff man auf eine grausame, aber lukrative Methode zur Beschaffung vieler arbeitender Hände zurück: Man verschleppte sie kurzerhand aus ihrer Heimat und unterjochte sie zu willkürlichen Konditionen.

Auch schon in der früheren Menschheitsgeschichte wurde das wirtschaftliche Potential von Zwangsarbeitern zum erschaffen von Hochkulturen genutzt. 

Etwa im antiken Griechenland, Rom oder gar dem Mesopotamien vor 4000 Jahren, wurden Sklaven brutal geraubt und für niedere Dienste gehalten.

Sklaverei ist also immer da zur Anwendung gekommen, wo das wirtschaftliche Potential einer Kultur nicht von den vor Ort verfügbaren Arbeitskräften komplett ausgenutzt werden konnte, beziehungsweise das Erbeuten von Sklaven profitabler als das Unterhalten bezahlter Arbeiter erschien. Raub an der eigenen Spezies aus ökonomischer Gesinnung scheint, kann man die moralischen Bedenken ausblenden, ein besonders effizientes Mittel der Gewinnmaximierung zu sein.

Schließlich erfüllen die Unterjochten doch die kognitiven und körperlichen Voraussetzungen, um die ihnen zugeteilten Arbeiten zuverlässig erledigen zu können, ohne sich aber organisieren zu können, um Arbeitnehmerrechte einzufordern.

Besonders in den Vereinigten Staaten scheint bei einigen Menschen die alte Ordnung einfach nicht aus den Köpfen zu wollen.

In den totalitären Regimen vergangener Epochen stellte die Angliederung der Sklavenkaste am unteren Rand des Ständesystems lediglich eine weitere Stufe auf der Ungerechtigkeitsskala dar. Doch unsere moderne Gesellschaft hat nicht nur den Menschenhandel aus dem Alltag verbannt, sondern auch begonnen einen gesunden Pluralismus anzustreben. Der Mensch hat sich seiner kognitiven Kapazität ergeben und Konzepte wie Moral und Gewissenhaftigkeit entwickelt, welche durch strukturelle Rahmen, wie beispielsweise die UN-Menschenrechtscharta gestützt und auf die Bevölkerung angewandt werden. Theoretisch zumindest. Wirtschaftlich stellt sich das so dar, dass nun zwar keine Sklaven mehr im eigenen Haushalt gehalten werden, sondern die Produktion von Verbrauchsgütern an die Orte der Welt verlagert werden, wo Arbeit am billigsten ist. Zwar wird dort nach wie vor unter menschenunwürdigen Umständen produziert, aber immerhin kann sich der Normalverbraucher beim Konsum schuldfrei fühlen.

Dass jedoch nach wie vor Individuen existieren, denen es nicht gelingt, die modernen Moralvorstellungen zu adaptieren, zeigt sich täglich. 

Besonders in den Vereinigten Staaten scheint bei einigen Menschen die alte Ordnung einfach nicht aus den Köpfen zu wollen. Obwohl weiße und farbige Menschen seit Generationen friedlich auf der gleichen Rechtsgrundlage miteinander leben könnten, finden einzelne Aggressoren immer wieder fadenscheinige Gründe, um farbige Menschen einer niederen Kaste zuzuordnen, sie zu diskriminieren, zu unterdrücken oder gar zu lynchen. Die Täter empfinden sich meist als Teil einer, den Afro-Amerikanern überlegenen Rasse und können sie nicht mit dem Gedanken anfreunden, dass Menschen, auf deren Vorfahren ihre eigenen Vorfahren noch Besitzansprüche anmeldeten, nun ihre Mitbürger sein können.
Dabei ist es genau dieses Verhalten, das die modernen Rassisten aus einer darwinistischen Perspektive rückschrittlich erscheinen lässt. Denn schließlich ist -im Kontext einer funktionalen natürlichen Auslese- davon auszugehen, dass die überlebensfähigsten Merkmale unserer gesamten Spezies gegenüber des Selektionsprozesses Kapitalismus, die des Zusammenhalts und der weitreichenden Akzeptanz von Individualität und Andersartigkeit sind. Die Unterteilung der Gesellschaft nach Herkunft ist weder wirtschaftlich noch sozialpolitisch effizient.

Wenn also gewisse Individuen ihre falschen und längst veralteten Rassenlehren, in denen von Unterdrückung und Ausbeutung die Rede ist, propagieren oder gar praktizieren, teilen sie sich in meinen Augen in zwei Lager auf: Die einen, die einen wirtschaftlichen Vorteil aus der globalen Ungerechtigkeit beziehen und deshalb ihren Erhalt garantieren wollen und die anderen vielen Dummen am unteren Rand der Gesellschaften, die noch nicht begreifen, dass sie mit den meisten anderen Menschen egal welcher Hautfarbe in einem Boot sitzen, welches von der skrupellosen ersten Gruppe schamlos ausgebeutet wird. Sie sind die eigentlichen Verlierer, da sie trotz Intelligenz keine Chance haben, ihre Lebensbedingungen anzupassen. Und wären sie in ihrer Art nur nicht so zerstörerisch, könnten sie einem fast leidtun.