Über Evolution und Angst

Eine (Selbst-)Einschätzung über den Einfluss jahrtausendlanger Evolution unseres Gehirns auf die modernen Ängste unserer Zeit.

Die menschliche Spezies unterscheidet sich von den anderen auf der Erde heimischen Gattungen in erster Linie durch die Größe und Leistungsfähigkeit ihrer Gehirne. Die rasante Entwicklung unserer Schaltzentralen zu schier unschlagbaren Rechenmaschinen, hat nicht nur dafür gesorgt, dass wir uns über die meisten biologischen Bedrohungen, wie Nahrungsketten mit überlegenen Fressfeinden, hinwegsetzen konnten, sondern führte auch zur Entstehung der ersten und später der heutigen Zivilisation. Neben einem komplexen Sozialverhalten hat besonders die Innovationsfreude der Menschen dafür gesorgt, dass wir unseren evolutionären Prozess rasant beschleunigt haben. Bis vor 30 000 Jahren war die menschliche Evolution hauptsächlich auf darwinistische Fehler des Erbguts angewiesen. Zwar hatte sich der Mensch zu diesem Zeitpunkt bereits simple Werkzeuge und das Feuer Untertan gemacht, aber von der kommenden Übermacht unserer Gattung im globalen Gefüge war noch wenig zu spüren. Und so dauerte es weitere 25000 Jahre bis mit der Erfindung des Rades ein weiterer großer Schritt in Richtung Zivilisation gemacht wurde. Vergleicht man die innovativen Errungenschaften der letzten Jahrtausende mit unserer gesamten Bestehensgeschichte fällt auf, dass  die Dichte der großen Erfindungen in der jüngeren Vergangenheit rasant zugenommen hat. Spätestens seit der industriellen Revolution folgt eine bahnbrechende Entdeckung der anderen und in  nur wenigen Jahrhunderten verabschiedete sich die Menschheit vom Feuer als Lebenselixier, ersann zunächst Dampfkraft, dann Verbrennungsmotoren und Elektrizität, um zu guter Letzt ein digitales Netzwerk – Internet genannt - zu ersinnen, welches Handel, soziale Interaktion und Kommunikation jeglicher Art auf ein globales Niveau nie gekannter Ausmaße ausdehnte. 

Heutzutage sind wir in der Lage, eingespeiste Informationen annähernd mit Lichtgeschwindigkeit in nur Sekunden vom anderen Ende des Erdballs abzurufen. Nichts steht unserem Wissensdurst im Wege. Haben wir eine Frage, ergibt sich im Diskurs mit unseren Freunden eine Unklarheit oder wollen wir einfach nur das beste Apfelkuchenrezept für unseren laktoseintoleranten Kollegen ermitteln, gereicht oftmals schon ein kurzer Griff zum mobilen Endgerät und die benötigte Information erscheint flimmernd auf dem Bildschirm. 

Wie faszinierend diese modernen Spielzeuge unserer Spezies auch sein mögen, so stellen sie doch ein Problem für das geistige Fassungsvermögen dar: Unsere Gehirne haben sich über Millionen von Jahren aus denen von Primaten entwickelt. Eine schier unendliche Anzahl an Generationen von Vorfahren haben ihr überdimensioniertes Denkorgan dazu nutzen müssen, Gefahrensituationen im Alltag der Jäger und Sammler einzuschätzen. Durch Beobachtung und Adaption wurde erlernt, welche Beeren giftig und welche Raubtiere gefährlich sind. Wurde ein Stammesmitglied dabei gesehen, wie es etwa dem Verzehr von Tollkirschen oder dem Gebiss eines Säbelzahntigers tödlich erlag, wurde diese Beobachtung auf das eigene Verhalten angewandt und sich in Zukunft von Tollkirschen oder Tigern ferngehalten. Diese Lernfähigkeit war der Grundstein für unseren rasanten Aufstieg. Andere Spezies, besonders Säugetiere, sind zu ähnlichen kognitiven Prozessen in der Lage, doch nur der Mensch hat das Lernen derart perfektioniert. 

”Dass es radikale Muslime gibt, die nach der Zerstörung westlich-christlicher Zivilisationen trachten, ist bekannt. Es ist sogar ein so gewinnversprechendes Thema, dass Redaktionen aus aller Welt jeden Bombenanschlag auf die Titelseiten ihrer Zeitungen drucken. ”

Seitdem sind unsere Hirne jedoch weitestgehend unverändert geblieben. Evolution läuft zu langsam ab, als dass innerhalb von wenigen tausend Jahren großartige Veränderungen zu erwarten gewesen wären. Daher ist der Mensch instinktiv nach wie vor damit beschäftigt, in seinem Alltag potenzielle Gefahren zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Problematisch hierbei: Die meisten Menschen in unseren Breitengraden müssen sich lediglich über das Erbeuten eines Parkplatzes oder ihre Position in der Warteschlange im Einkaufscenter den Kopf zerbrechen. Es gibt keine natürliche Selektion mehr und die Umwelteinflüsse, die für unsere Gesundheit akute Gefahr bedeuten, werden beinahe ausschließlich von anderen Menschen erzeugt. 

So kommt es, dass unsere Gehirne in der Bemühung wie gehabt für unser Überleben zu garantieren, Gefahrensituation aus Erlebtem konstruieren, die rational betrachtet völlig unrealistisch sind. Eine entscheidende Rolle spielen hierbei -wie so oft- die Medien.

Am Beispiel des islamistischen Terrors lässt sich das Problem besonders gut veranschaulichen: 

Dass es radikale Muslime gibt, die nach der Zerstörung westlich-christlicher Zivilisationen trachten, ist bekannt. Es ist sogar ein so gewinnversprechendes Thema, dass Redaktionen aus aller Welt jeden Bombenanschlag auf die Titelseiten ihrer Zeitungen drucken. Das Gehirn eines Mitteleuropäers, das nun täglich die Informationen „massenmordende Muslime“ und „Muslimenhass auf Mitteleuropäer“ vorgesetzt bekommt, versucht krampfhaft das Gefahrenpotential für den eigenen Organismus zu bewerten, kann aber auf Grund der medialen Reizüberflutung unmöglich eine realistische Einschätzung vornehmen. Das Resultat könnte beispielsweise sein, dass allen orientalisch anmutenden Männern im öffentlichen Raum mit Misstrauen begegnet wird. Dass starker Bartwuchs und gebräunte Haut weder Beweise für den muslimischen Glauben, geschweige denn für die Zugehörigkeit zu einer terroristischen Gruppierung bringen, kann das Hirn nun kaum noch erkennen. Es bedient sich nur lediglich der Strukturen, die es in den letzten Jahrtausenden auch am Leben gehalten hätten. Die Folgen sind Hass und Ablehnung gegenüber völlig Unbekannten.
 
Ich möchte mich hierbei selbst nicht auslassen. Auch ich habe durch die Einflüsse von Medien und meines sozialen Umfelds eine instinktive Grundeinstellung gegenüber schier jedem Sachverhalt vorzuweisen, von der ich nicht mit Gewissheit sagen kann, ob es sich möglicherweise um eine begründete Angst oder eine medial implementiere Abneigung handelt. Ein gutes Beispiel stellt meine Angst vor Spinnen dar, die wohl durch den Konsum von diversen Gruselfilmen im Kindesalter entstanden sein mag. Kein anderes Tier vermag es, mich derart in Panik zu versetzten und obwohl ich stets mit der geballten Kraft meiner Ratio versuche, meine Angst zu überwinden, bleibt mir bei einem Auftauchen eines dieser flinken Krabbeltiere in meiner Wohnung oft nur der panische Griff zum Schuh oder Insektenspray, um die vermeintliche Gefahr schnellstmöglich aus meiner Wahrnehmung zu entfernen. 

”Aber durch erzeugte Angst lassen sich viel effizienter Meinungen etablieren, als durch Diskussion und Argumentation.“

Kurzum glaube ich, dass die kognitive Überforderung mit dem Informationsangebot unserer Zeit einen erheblichen Faktor in der Meinungsbildung vieler darstellt. Haltlos und von der schieren Menge an Wissen überfordert, treiben wir durch ein modernes Meer der Unsicherheit. Unserem Verstand bleibt nichts anderes übrig, als zu simplifizieren, Sachverhalte zu katalogisieren und sich sozialen Gruppen anzuschließen, deren vorgefertigte Meinungsstrukturen die Analyse von neuen Hiobsbotschaften vereinfachen. Dadurch entstehen viel Hass und Furcht an Stellen in der Gesellschaft, an denen Zusammenarbeit und Kulanz ein friedliches Zusammenleben eventuell ermöglichen würden. 

Aber durch erzeugte Angst lassen sich viel effizienter Meinungen etablieren, als durch Diskussion und Argumentation. Ich bin mir sicher, dass es Eliten auf dieser Erde gibt, die dieses Wissen ganz bewusst zum Erreichen ihrer persönlichen Ziele einsetzten (Man nehme zum Beispiel die Instrumentalisierung des islamistischen Terrors zur Rechtfertigung des Krieges um Öl). Aber ich kann mir leider nicht sicher sein, ob dieser Standpunkt nicht auch wieder nur aus meiner Angst vor einer alles kontrollierenden Obrigkeit erwachsen ist. Alles was mir bleibt ist, meine Vorurteile so gut es mir möglich ist zurückzuhalten und so offen und ehrlich auf jeden Menschen zuzugehen, dem ich begegne. Jeder sollte selbst die Möglichkeit haben, sich zu positionieren und nicht von vornherein nach Klischeebildern abgestempelt werden.