Verschwörung gefällig?

Eine Einschätzung über den Sinn und Unsinn von Verschwörungstheorien sowie die berechtigten Fragen in der aktuellen Krisensituation von Oskar Krüger

Die Covid 19-Pandemie ist in diesen Zeiten das beherrschende Thema unseres Alltags. Menschen horten panisch Lebensmittel, trauen sich nicht mehr ohne Atemschutzmaske vor die Tür oder tauschen diese wegen ihres Verdachts auf globale Täuschungsversuche gegen Aluhüte und Protesttransparente.  Da ist es kaum verwunderlich, dass das Virus und seine Auswirkungen bei meiner Themenwahl ebenfalls in das Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt wurde. Also begann ich mich mit allen Facetten von Corona zu beschäftigen, um mir Informationen zur Meinungsbildung zu beschaffen. Wobei…zu behaupten, ich hätte alle wissenschaftlichen Befunde gelesen, jegliche gesellschaftlichen Interaktionen erfahren oder mich gar durch die Flut aus den alltäglichen Medienströmen gewühlt, wäre eine Übertreibung. Vielmehr gelang es mir auch nach tagelanger Recherche und intensivem Grübeln kaum eine Meinung zu Corona zu bilden, die gegenüber meiner eigenen Validitätsprüfung bestehen konnte. Ich war einmal mehr dem Paradox der modernen Berichterstattung aufgesessen. Denn mein durch Quarantäne und Studentenmentalität ohnehin schon eingeschränkter Bewegungsradius lies mich einen Großteil meines alltäglichen Inputs ausschließlich aus dem Internet beziehen. 

Dabei hatte ich das Gefühl, immer stärker die Übersicht zu verlieren, umso mehr ich mich durch die alltäglichen Nachrichten kämpfte. Heutzutage jagt eine Hiobsbotschaft die nächste und der politische Rand der Gesellschaft ersinnt Verschwörungstheorien am laufenden Band, bemüht sie so zu formulieren, dass sie derer des Klassenfeindes von der andern Seite des politischen Ringes auf keinen Fall gleicht und sich für die eigenen Ziele ideal instrumentalisieren lässt. Viele Menschen - so habe ich den Eindruck - haben sich im Laufe der Krise für eine Meinungsfacette entschieden und propagieren nun stumpf und unreflektiert deren Standpunkte in den sozialen Medien. Dadurch gelangen unzählige Bewertungsansätze in den Umlauf, vermengen sich und verkommen in ihrer Gesamtheit zu sogenannten „Verschwörungstheorien“: Die abrupten Kurswechsel der Bundesregierung scheinen für die Leute derart willkürlich, dass doch sicher schon von gezielter Massenlenkung gesprochen werden könne und…Die eigene Angst vor dem Virus, gepaart mit dem ohnehin schon breit angelegten Misstrauen gegen die Führungseliten verselbstständigen sich und vernichten mit erschreckender Effizienz jeden Versuch der Ratio ihrer Aufgabe nachzugehen und den Sachverhallt objektiv zu bewerten. Dabei wäre es ein leichtes, die selbst verspürte Unsicherheit gegenüber den neuen Umständen auch in den Handlungen der entscheidungstragenden Politiker zu erkennen, um auf einer humanistischen Ebene festzustellen, dass diese Menschen eine derartige Krisenbewältigung zum ersten Mal in ihren Karrieren meistern müssen und sie Corona eventuell genau so stark verunsichert, wie uns. 

Gleichzeitig gilt aber auch: 

Hat eine Idee oder eine Vermutung, und sei sie aus einem noch so reflektierten und informierten Verstande erwachsen, erst einmal den Status einer „Verschwörungstheorie“ erlangt, so verliert sie sofort an Bedeutung. Schließlich ist der Begriff der Verschwörungstheorie im etablierten Sprachgebrauch bereits so negativ konnotiert, dass eine differenzierte Auseinandersetzung mit einer These oder Vermutung außerhalb ihrer Anhängerschaft nicht ernsthaft  stattfindet. Durch dieses Phänomen entstehen metaphorische Inseln in der Gesellschaft. Jede Insel beherbergt eine Meinungsfraktion und da unter den Eilanden anstatt Austausch nur Missgunst und Abneigung floriert, kommt es kaum zu einer wirklichen Auseinandersetzung mit den möglicherweise klugen Gedanken von möglicherweise aufmerksamen Bürgern. 

Zum Beispiel scheint es unbegreiflich, dass einflussreiche Konzerne oder die Vorsprecher großer Lobbys, wie beispielsweise der DFL (Deutsche Fußball-Liga)  Vorteile aus ihren Einflussmöglichkeiten zu ziehen versuchten, die weit über die angebrachten Maßnahmen der Zivilcourage hinausgehen. Kann man von Nächstenliebe sprechen, wenn die Bundesregierung Hilfspakete in Milliardenhöhe für Großkonzerne wie BMW auf den Weg bringt, wenn dort 20.000 Arbeitskräften in Kurzarbeit geschickt werden bei gleichzeitiger Auszahlung von Dividenden an Aktionären? Und ist es als milde Geste zu verstehen, wenn ein Wirtschaftsmogul wie Bayer Verhandlungen mit der Regierung für die Bereitstellung der Arzneimittel im Falle einer Impf-Pflicht aufnimmt? Doch dies ist genau die Quintessenz des modernen Kapitalismus: im ewig währenden Konkurrenzkampf die eigenen Mittel am geschicktesten einzusetzen, um Gewinne zu generieren. Aber aus der Perspektive der leidtragenden Bevölkerung, den Millionen Kurzarbeitern und Entlassenen ist das wohl ein arger Frefel. Und auch wenn viele -mich eingeschlossen- schon ganz gerne wieder ihre liebsten überbezahlten Diven über den Rasen huschen sehen wollen würden, so spotten diese Maßnahmen doch jeglichem Verständnis von sozialer Gerechtigkeit. 

”Hat eine Idee oder eine Vermutung, und sei sie aus einem noch so reflektierten und informierten Verstande erwachsen, erst einmal den Status einer „Verschwörungstheorie“ erlangt, so verliert sie sofort an Bedeutung. ”

Und was ist mit den Einschränkungen der Bewegungsfreiheit? Traut man den offiziellen Statistiken, so sind die jüngeren Infizierten wesentlich schwächer gefährdet als die älteren Teile der Bevölkerung. Nun wird aber gerade das junge Volk durch die Quarantäne deutlich intensiver eingeschränkt. Warum sollten die Jungen stärker zurückstecken, wenn sie doch weniger betroffen sind? Immerhin sind sie die potenziell leidtragendsten. Denn aus pädagogischer Perspektive ist der Abbruch des Schulunterrichts besonders für lernschwache Kinder fatal, verlieren sie doch die Möglichkeit die kognitive Erweiterungsfähigkeit ihrer jungen Gehirne effizient zu nutzen. Stattdessen versinken sie wochenlang vor perversen Ausgeburten des 21. Jahrhunderts, Ballerspielen oder Trash-TV. Das Ausmaß an psychologischen Folgen der Krise für Kinder und Jugendliche wird wohl erst nach ihrem Ende vollständig abzusehen sein. 

Nun, die politische Entscheidungsfindung wird in Deutschland von Menschen über 50 diktiert. Auch die wohlhabenden Teile der Gesellschaft sind oftmals die Älteren. Kein Wunder also, dass diese Bevölkerungsgruppe große Macht auf politische Entscheidungen und somit auch auf die Umsetzung der Quarantäne ausüben kann. Allerdings ist auch insgesamt der größte Teil der Bevölkerung bereits älter. Über ein Viertel der Deutschen sind über 60 Jahre alt, mehr als zwei Drittel bereits über dreißig.  Und die meisten Kritiker der Ausgangssperre werden wohl selbst über ältere Familienmitglieder verfügen, deren Gesundheit es als schützenswert zu erachten gilt. 

Sind also die Corona-Maßnahmen am Ende nur ein Schutz für unsere ältesten Liebsten?

Sorgt sich die Bundesregierung derart um das Wohl jedes Individuums, dass sie zum Schutze des Einzelnen eine ganze Nation lahmlegt? Die Antwort darauf lautet „nein“, „ja“, „vielleicht“ und „ein bisschen“. Denn die Unterstützung, die die Bundesregierung zum Schutz ihrer Einheimischen aufbringt, kann auch durchaus als Kalkül gesehen werden. Immerhin erfreuen sich machthabende Parteien in Krisensituationen wie dieser oft überdurchschnittlicher Beliebtheit. So manch ein US-Präsident hat schon kurz vor seiner potenziellen Wiederwahl einen internationalen Krieg vom Zaun gebrochen, um mit entsprechender Propaganda seine Wählerschaft zu stärken. Heutzutage gereicht es hierzu mit einem gelungenen Corona-Lockdown. Wobei das objektive Gelingen hier eher eine untergeordnete Rolle zu spielen scheint, beobachtet man den Zuspruchszuwachs des US-Präsidenten trotz seines gewohnt kontroversen Auftretens der letzten Wochen. Diese Handlungen erfolgen allesamt in einem wirtschaftlichen Kontext. Es geht um Macht, Einfluss und vor allem um Geld. Die Mächtigen dieser Welt sehen ihr Monopol schrumpfen und setzen alle Hebel in Bewegung, um ihren Besitz zu schützen. Auf der Strecke bleiben werden die einfachen Leute. Das unterbezahlte Pflegepersonal in den Krankenhäusern, das pro Tag mehr Überstunden als Schlafstunden sammelt, die Kassierer in den Supermärkten, die trotz der allgemeinen Panik täglich mit vielen hundert Menschen in Kontakt kommen, der einfache Bürger, der nicht mehr zur Arbeit gehen, Geld verdienen und seine Familie ernähren kann, Sie und ich. 

”Die, die auf dieser Erde das größte Leid verursachen, müssen nicht im Geheimen agieren. Das System legitimiert ihre Handlungen von sich aus.”

Dass die soziale Ungerechtigkeit auf dieser Erde groß ist, ist inzwischen den meisten bekannt. Viele von uns haben sich gegen eine Rebellion gegen diese Ungerechtigkeit entschieden. Das ist okay. Es sei den Menschen ihr Streben nach einem Leben in Frieden gegönnt und gewünscht. Aber dann sollten wir unsere Zeit vielleicht auch nicht mit abstrusen Verschwörungstheorien oder kontraproduktiven Demonstrationen verschwenden. Die, die auf dieser Erde das größte Leid verursachen, müssen nicht im Geheimen agieren. Das System legitimiert ihre Handlungen von sich aus. Und selbst, wenn es einen geheimen Plan zur Unterwerfung aller Menschen gäbe, würde das Erkennen der gezogenen Strippen im Wirrwarr der Falschinformationen zur Nadel im Heuhaufen. Da würde der ominöse Antagonist auf seinem düsteren Thron sitzen, diabolisch grinsen und sich über die ganzen Verschwörungstheoretiker und ihre Aluhüte freuen. Schließlich wären sie es, die seinen Plan durch ihre Kurzsichtigkeit überhaupt erst ermöglichen würden.