Wasser unser „selbstverständlicher“ Schatz

Im Interview mit dem Verbandsvorsteher des NWA,  Matthias Kunde

In den vergangenen 3 Jahren haben wir nicht nur im Verbandsgebiet des NWA eine große Frühjahrstrockenheit und wenige Niederschläge im Sommer bis in den Herbst hinein erlebt. Viele Leute halten das für schönes Wetter. Tatsächlich ist es aber Dürre, die Seen und Tümpel zum Austrocknen bringt, für Pflanzen, Bäume und wildlebende Tiere nicht nur lebensbedrohlich, sondern tödlich ist. Wie steht es dabei um die Grundwasserneubildung in den Bodenhorizonten, aus denen der NWA sein Wasser fördert, fragten wir Herrn Kunde, Verbandsvorsteher des NWA Zehlendorf. 

Aus wieviel m Tiefe fördert der NWA das Wasser, das bei uns letztendlich aus dem Hahn kommt? 
Die Grundwasserneubildung im tertiären Grundwasserleiter (3. Stockwerk) ist noch ausreichend. Das können wir anhand der Wiederanstiegswerte an den Grundwasserbeobachtungsrohren feststellen. Oberflächennah fallen die Wasserstände schon seit mehreren Jahren. Die Brunnen der NWA‐Wasserwerke fördern aus Tiefen von über 100 m unter Geländeniveau. Durch die darüber liegenden Stauerschichten (Geschiebemergel) sind die Grundwasservorräte vor negativen Beeinflussungen gut geschützt. 

Wie lange hat das Wasser gebraucht um in die Schichten des Bodens zu gelangen, aus denen der NWA jetzt das Wasser entnimmt? Wann ist dieses Wasser als Regen gefallen? 
Das Grundwasser, das im Versorgungsgebiet zu Trinkwasser aufbereitet wird, stammt praktisch noch aus der Eiszeit (Tertiär). Ein Regentropfen der heute in Prenden, Basdorf oder Lanke auf die Erde fällt, benötigt bis zu 30 Jahre, um das Reservoir zu erreichen. 

Wie kann man sich die Wasservorräte in der Tiefe vorstellen? Als großer See oder Fluss? Und entstehen durch die Förderung des Wassers nicht Hohlräume in der Tiefe? 
Die unterirdischen Grundwasserleiter sind weder ein See noch ein Fluss, sondern das Wasser in unserer Region befindet sich in Schichten aus sogenannten Lockergesteinen, also aus Sanden und Kiesen. Der hier vorhandene Porenraum hat sich über lange Zeit mit Wasser aufgefüllt, aus denen mit den Tiefbrunnen über eingebaute Filterstrecken das Grundwasser entnommen werden kann. Das Grundwasser in solchen Schichten fließt auch – etwa 1 cm/a. Kornstrukturen und Lagerungsdichten der Sande und Kiese sind statisch so ausgebildet, dass durch Wasserspiegelschwankungen keine Einsturzgefahr besteht. 

Also wie ein riesiger Schwamm, der langsam durchflossen wird? 
Der Vergleich mit einem Schwamm trifft den Sachverhalt ganz gut. 

Gibt es eine Maximalmenge, die Sie je Tiefbrunnen und Tag entnehmen können und wer kontrolliert das? Was, wenn diese Menge nicht ausreicht? Können einfach neue Tiefbrunnen gebohrt werden? Wie werden die Wasservorräte in der Tiefe wieder aufgefüllt? 
Jedes Wasserwerk arbeitet mit behördlich genehmigten Fördermengen, die als Jahresdurchschnittswert dokumentiert sind (Q365). Die Aufsicht über die Einhaltung von solchen Genehmigungen führen die unteren und oberen Wasserbehörden des Landes. Steigt der Bedarf bzw. müssen für Mehrmengen neue Brunnen gebohrt werden, erfordert das ein zum Teil langwieriges Antragsverfahren durch den Wasserversorger. Beim NWA laufen solche Vorgänge derzeit für die Neubohrungen in Prenden und Basdorf. Wie schon erläutert, ist die Grundwasserneubildung im Verbandsgebiet noch zufriedenstellend. Das wird durch unabhängige Gutachter mittels empirischer Berechnung ermittelt. Überwiegend erfolgt die Auffüllung der Vorräte durch Zustrom aus anderen Grundwasserleitern. Grundsätzlich entsteht neues Grundwasser ‐ der Schwerkraft folgend ‐ immer von oben nach unten. Weniger Niederschläge und fallende Wasserstände in den Oberflächengewässern bedeuten tendenziell auch weniger Nachschub für den Untergrund. 

Ich habe gelesen, dass es Wasserbücher gibt, die die Entnahme von Wasser aus Tiefbrunnen in der Fläche Brandenburgs aufzeichnen. Wie aktuell sind diese Wasserbücher und wer führt sie – hat also den Überblick über die Gesamtentnahme? 
Sogenannte Wasserbücher gibt es schon sehr lange. Sie dienten und dienen hauptsächlich der Registrierung von ehemaligen und aktuellen Wassernutzungsrechten. Geführt und verwaltet werden die Wasserrechte in Brandenburg von den Wasserbehörden bei den Landkreisen bzw. beim Landesumweltamt. Man war also schon in der Vergangenheit sehr an einem Überblick über vorhandene Vorräte und ihre Ausnutzbarkeit interessiert. Dieses Instrument hat gerade heute seine Berechtigung und garantiert, dass die Wasserressourcen nicht überbeansprucht werden. Das bedingt aber auch, dass als Folge der momentanen Anspruchsentwicklung in absehbarer Zeit gesetzliche Beschränkungen bei der Wassernutzung erlassen werden müssen. Auch wenn die Erde als Wasserstern gilt, ist bekanntermaßen die Menge an trinkbarem Wasser eng begrenzt – das Gebiet des NWA inbegriffen! 

Die Behandlung von Abwasser aus Haushalten und Gewerbe und dessen Wiedereinspeisung in das Trinkwassernetz schont die Grundwasserreserven. Wo wird im Gemeindegebiet von Wandlitz durch den NWA Wandlitzer Abwasser gesammelt, aufbereitet und wieder ins Trinkwassernetz eingespeist? Wieviel % des Wandlitzer Abwassers wird wieder aufbereitet? Was geschieht mit dem Rest? 
Die Einspeisung von entsprechend aufbereitetem Abwasser in das Trinkwasserversorgungsnetz ist zwar technisch denkbar, jedoch in Deutschland gesetzlich verboten. Vielmehr ist das aus den Haushalten abgeleitete Schmutzwasser auf Kläranlage (KA) so zu reinigen, dass es über Vorfluter (i.d.R. Oberflächengewässer) in seiner Gesamtmenge dem Wasserkreislauf wieder zugeführt werden kann. Über die natürliche Versickerung entsteht so neues Grundwasser. Für die Schmutzwasserreinigung bedient sich der NWA traditionell und aus zwingenden wirtschaftlichen Gründen der Dienstleistung durch die Berliner Wasserbetriebe (BWB) sowie den Trink‐ u. Abwasserzweckverband Liebenwalde (TAV). Ein Teilstrom aus dem Ortsteil Lanke wird auf der KABogensee behandelt und kommt hier unmittelbar dem regionalen Wasserhaushalt zu Gute. Prinzipiell trifft das auch auf den Standort der KA‐Liebenwalde zu. 

Was passiert mit den Abprodukten aus der Trinkwasseraufbereitung? 
Rückstände aus der Trinkwasseraufbereitung entstehen durch die Rückspülung der Kiesfilterkessel. Das Spülwasser wird in Absetzbecken geleitet. Nach Versickerung bzw. Verdunstung der flüssigen Anteile verbleiben die Partikel aus dem Reinigungsprozess auf dem Beckenboden (sog. Eisenschlamm), der periodisch (etwa alle 10 Jahre) beräumt und zentral deponiert wird. Auch das ist Bestandteil der Genehmigungen für den Betrieb eines Wasserwerkes. 

Hoher Bevölkerungszuwachs im Verbandsgebiet verbunden mit immer höheren Anforderungen an die Verfügbarkeit des Trinkwassers auch für Poolbefüllung und Gartenbewässerung, Entwicklung der Wasserstoffproduktion im Verbandsgebiet. Reicht die Grundwasserneubildung da aus oder sägen wir an dem Ast auf dem wir sitzen? Gibt es da so ein Art Vorratsberechnung, Bilanzierung‐ auch unter Berücksichtigung des häufigen Auftretens von Dürrejahren? 
Selbstverständlich kann Wasserwirtschaft – und hier namentlich die Bewirtschaftung des Grundwasserdargebotes – nicht nur beim NWA, nur mit vorausschauenden, berechenbaren Ansätzen und damit nachhaltig betrieben werden. Am anschaulichsten lässt sich diese Maxime an der Erweiterung der Kapazitäten der Prendener Wasserversorgungsanlage (WW‐Prenden) verdeutlichen. Teil des Ende 2018 durch die NWA‐Verbandsversammlung beschlossenen Stabilisierungspaketes ist die komplette Ertüchtigung aller technologischen Stufen der Versorgungsanlage. Dazu gehören die Förderung (Brunnengalerie), die Aufbereitung (Kiesfilterkessel), die Speicherung (Reinwasserbehälter) und nicht zuletzt die zugehörige Steuerungstechnik (Fernwirkanlage). Aufgrund der Messergebnisse des im Herbst 2019 durchgeführten Leistungspumpversuches (demPV) kennen wir die Leistungsfähigkeit des Grundwasserleiters sehr genau. Ohne die ermittelte Neubildungsrate zu überschreiten ließe sich die derzeitige Nennkapazität von 2.525 m³/d um weitere 50% vergrößern. Unter Fortschreibung der momentanen Wachstumsrate beim Wasserbedarf (ca. 2%/a) kann bei Bewilligung unseres Antrages durch die Landesbehörde die Trinkwasserversorgung für die nächsten 25 Jahre sichergestellt werden. In die Berechnungen geht dabei der bundesweit gültige durchschnittliche Prokopfverbrauch von 120 l/E/d ein. Zum Vergleich: diese Kennzahl lag im letzten Sommer an rund 40 Tagen bei über 200 l/E/d und war Ursache für deutliche Druckmangelerscheinungen in den Abendstunden und Auslöser für das Schwarzwasserproblem. Dennoch wird im Versorgungsgebiet im Jahresdurchschnitt ein Wert von 100 l/E/d derzeit nicht überschritten. Um der Entwicklung nicht hinterher zu laufen, werden bis zum Beginn der Gartensaison dieses Jahres die neue Verbindungsleitung nach Wandlitz (Nibelungen) sowie ein neuer Tiefbrunnen für das WWPrenden in Betrieb gehen. Für die Beseitigung der Versorgungsengpässe im westlichen Verbandsgebiet (OTs Stolzenhagen, Wensickendorf, Schmachtenhagen und Zehlendorf) entsteht am Stolzenhagener See eine neue Druckerhöhungsstation mit einem Reinwasserspeicher von 500 m³. Weitere Vorhaben aus diesem Maßnahmepaket sind in Vorbereitung bzw. werden für die Folgejahre fortgeschrieben. Dazu zählen unter anderem die Ortsumgehung Schönwalde (für OT Basdorf) und die Rekonstruktion der Aufbereitungsanlage des Wasserwerkes in Basdorf. Die Gesamtheit aller Stabilisierungsschritte wird die zukünftige Basis der zentralen Trinkwasserversorgung in Wandlitz und Umgebung bilden, einen moderaten Einwohnerzuwachs gewährleisten und zur merklichen Entspannung der Versorgungssituation in Spitzenzeiten beitragen. Unter Beachtung einiger weniger Benutzungsregeln (z.B.: anders Gießen lernen) kann es uns gemeinsam gelingen auch zukünftig Pools mit Trinkwasser zu befüllen und Hausgärten in Dürrephasen zu erhalten. Der zusätzliche Anschluss von neuen gewerblichen Nutzungen, wie die klimafreundliche Wasserstoffproduktion, stellt unter den genannten Rahmenbedingungen nicht den medial heraufbeschworenen Versorgungskollaps beim NWA dar. Derartige Anlagen erzeugen durch ihren technologischen Zuschnitt (Tagesspeicher) eben keine Spitzenabnahmen, sondern können zur durchaus wünschenswerten Vergleichmäßigung der Fließgeschwindigkeiten im Verteilungsnetz beitragen. 

Vielen Dank, Herr Kunde. 

Idee des Interviews: Katrin Guse und 
Jürgen Krajewski
Das Interview führte Katrin Guse 

Kommentare und Antworten

×

Name ist erforderlich!

Geben Sie einen gültigen Namen ein

Gültige E-Mail ist erforderlich!

Gib eine gültige E-Mail Adresse ein

Kommentar ist erforderlich!

* Diese Felder sind erforderlich.

Sei der erste der kommentiert