FABIAN ODER DER GANG VOR DIE HUNDE

Geschichten und Filme über die sogenannten „Goldenen Zwanziger“ sind derzeit überaus populär. Das sind oft glanzvolle doch meist auch sehr künstliche Bilder einer idealisierten Zeit. Das aber auf die noch junge Weimarer Republik so schnell die Machtergreifung der Nazis folgen sollte, ist nur schwer zu fassen. Dominik Grafs Berlinale-Beitrag FABIAN, nach dem gleichnamigen Roman Erich Kästners versucht nun genau das begreifbar zu machen. Und dieser Film ist einer der besten Gründe, endlich wieder einmal ins Kino zu gehen. Ich traf zwei der Hauptdarsteller: Tom Schilling und Saskia Rosendahl.

Als Goebbels 1933 auf dem Berliner Opernplatz vor einer Horde völkischer Studenten sein Autodafé gegen den Geist inszenierte, war eines der ersten Bücher, das er mit den Worten „Gegen Dekadenz und moralischen Verfall!“ ins Feuer warf, Erich Kästners Meisterwerk, sein erfolgreicher Roman FABIAN von 1931.

Der Autor stand am Rande des unappetitlichen Spektakels und erinnert sich später: 

“...ich sah unsere Bücher in die zuckenden Flammen fliegen und hörte die schmalzigen Tiraden des kleinen abgefeimten Lügners. Begräbniswetter hing über der Stadt...“ 

Der eigenwillige Dichter, selbstredend Antimilitarist und Antifaschist sowieso, versuchte die schlimmen braunen Jahre, unausgesetzt von der Gestapo bedroht, als „hoffnungsvoller Pessimist“ im Lande zu überstehen, um Zeugnis zu geben. Und er musste registrieren, dass seine im FABIAN platzierte Mahnung („Der Gang vor die Hunde“) überhört und viel zu schnell Wirklichkeit geworden war.
Vom FABIAN heißt es, Kästner habe sich beim Schreiben durchaus filmischer Techniken bedient - jetzt also der FABIAN als Film. Es ist bereits die zweite Verfilmung seit Wolf Gremms 1980 mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneter Arbeit und diese Neuverfilmung hat sich gelohnt!

Regisseur Dominik Graf (DIE GELIEBTEN SCHWESTERN, 2014) hat für die komplexen Charaktere des Films vorzügliche Darsteller gesucht und gefunden. Kästner, der ja auch kein Recke war, hat seinen Fabian als eher zierlichen jungen Mann beschrieben und so ist dies schon äußerlich ein idealer Part für Tom Schilling (OH BOY, 2012). Und ihm gelingt damit seine bisher vermutlich stärkste Kino-Performance.

Der 32-jährige Dr. Jakob Fabian, angehender Schriftsteller, versucht seinen Lebensunterhalt als Werbetexter in Berlin zu bestreiten - inmitten der Wirtschaftskrise, kurz vor dem gewaltsamen Ende der Weimarer Republik.

Tom Schilling:
„Also ich hatte am Anfang so ein bisschen Schwierigkeiten, da einen Zugang zu haben. Ich merke manchmal, wenn ich das Drehbuch lese: Ich weiß nicht was der denkt? Steht ja auch nicht im Drehbuch! Aber als Schauspieler muss ich wissen, was die Figur denkt! Manchmal habe ich das sofort - und manchmal ist das eben ein bisschen Arbeit. Dominik Graf war aber so überzeugt davon, dass ich das machen muss, dass wir lange darüber gesprochen haben - und dann gab‘s auch andere Aspekte, die ich für mich ganz wichtig fand. Ich wollte nämlich immer einen sehr, sehr melodramatischen Liebesfilm machen. Und das ist es halt auch geworden.“

Fabians Freundin und Geliebte Cornelia, die unbedingt Filmstar werden möchte, wird gleichermaßen souverän von Saskia Rosendahl (LORE, 2012) gespielt.

Saskia Rosendahl:
„Ich brauchte da gar nicht viel einzubringen - die Cornelia hat wahnsinnig viele Facetten. Sie ist superlebendig in ihrer Art, und in der Art und Weise, wie man sie beobachten darf. Sie ist einfach wahnsinnig stark, konsequent, mutig, modern und vielschichtig. Sie weiß einfach, wo sie hin will, und das macht sie sehr schnell klar. Ich finde auch, dass sie ein sehr warmer Mensch ist und sehr faszinierend in ihrer Unbedingtheit. Sie weiß, dass sie durch den Dreck muss und weiß auch, was das für ein Dreck ist. Sie wird es machen, sie wird‘s ausprobieren - sehr spannend!“

Dritter im Bunde ist Labude, bester Freund Fabians und Sohn eines reichen Anwalts. Er steht kurz vor seiner Promotion über Lessing und verzweifelt zunehmend am Alltag, in dem der braune Pöbel zunehmend das Straßenbild bestimmt. Labude wird vom gerade zweifach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Albrecht Schuch (SYSTEMSPRENGER, 2019) gespielt.

Regisseur Dominik Graf hat sehr viel richtig gemacht. Er hat vor allem nicht auf die verbrauchten Film-Klischees der „Goldenen Zwanziger“ gesetzt, sondern einen eigenen und sehr stimmigen Ton erarbeitet. 

Saskia Rosendahl:
„Das fühlt sich Null historisch an - es hat natürlich auch mit gewissen Parallelen zu tun - ob das nun das Zeitgeschehen ist oder so... Das war einfach sehr simpel gehalten - im Sinne von „ehrlich“. Es hat wahnsinnig geholfen, sich da hineinzufinden.“

Tom Schilling:
„Voll merkt man das! Es geht ja auch nicht um die Tableaus - große Straßenzüge und hier fahren noch 20 Autos durch - sondern es ist alles sehr unmittelbar und rough. Ich bin auch Riesenfan vom Szenenbild, von der Kamera, vom Schnitt - alles Superleute! Der Kameramann Hanno Lentz hat mit ganz unterschiedlichen, sehr kleinen Kameras gearbeitet und war halt immer sehr nah an uns dran. Das ist ganz toll, denn er ist wie so ein zusätzlicher Schauspieler. Und das gibt ganz viel Energie. Für mich als Schauspieler ist das fast hilfreicher, wenn alle so involviert sind, als wenn du in so ein Tableau gesetzt wirst. Sehr intim!“

Es ist tatsächlich auch das, was man gemeinhin so die „Chemie“ zwischen den Schauspielern und dem Regisseur und wohl auch den anderen Mitarbeitern versteht.

Saskia Rosendahl:
„Wir hatten Glück, das wir vorher viel Zeit miteinander hatten. Vor allem in Görlitz. Wir haben Fahrradtouren zusammen gemacht, wir waren am See und irgendwann hat immer einer angefangen, irgendeinen Text von irgendeiner Szene zu sprechen und dann sind die anderen eingestimmt. Und auch mit Dominik zusammen haben wir einfach gequatscht. Wir waren von Anfang an einfach ein Team, das sich sehr wertgeschätzt hat. In der Arbeit aber auch persönlich. Wo man einfach so sein konnte, mit seinen Zweifeln und Unsicherheiten auch. Es war schön zu merken, wie alle dafür gebrannt haben, ins Detail zu gehen und gleichzeitig nicht zu verkomplizieren.“

Tom Schilling:
„So ein Film ist schwierig zu drehen, denn diese Intimität und die Authentizität müssen so leicht daherkommen und es ist eigentlich schwer herzustellen. Deswegen hast du vielleicht recht, dass das eine wichtige Rolle für mich ist. Weil mir das möglicherweise gut gelingt, mit einer Figur, die scheinbar passiv ist, durch die Welt zu gehen und die Welt durch die Augen von Erich Kästner aber auch von Dominik Graf zu betrachten. Das vermengt sich dann und man kann es gar nicht mehr richtig trennen, wie biografisch das ist und so wird das zu irgendwas Größerem…“

Wie nah und spürbar aktuell uns dieser Film ist, erweist sich bereits in der Eröffnungsszene. Ein langer Gang durch einen U-Bahnhof (Heidelberger Platz) im heutigen Berlin, durch das Gewimmel der Zeitgenossen, um am Ende einfach, ohne Schnitt, in Fabians 30-er Jahren zu landen: „Wir sitzen alle im gleichen Zug und reisen quer durch die Zeit…“

Philipp Teubner
 

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