LIEBER THOMAS

Thomas Brasch war Schriftsteller, Dramatiker, Lyriker und Filmemacher. Geboren in London als Sohn einer deutsch-jüdischen Familie, in den letzten Tages des 2. Weltkriegs. Er wuchs in der DDR auf und geriet als Intellektueller, der auf ein demokratisches, sozialistisches Nachkriegsdeutschland hoffte, in ständigen Konflikt mit dem System, mit seiner Familie und letztendlich mit sich selbst. Nach dem Dokumentarfilm FAMILIE BRASCH (2018) von Annekatrin Hendel kommt nun dieses spannende Leben als großes Generationsdrama, inszeniert von Andreas Kleinert, Mitte November in die Kinos.

Ein schöner weiblicher Rückenakt in Schwarzweiß - auf ihm schreibt jemand ein Gedicht. Dieser Jemand ist Thomas Brasch. Und dies ist sein Gedicht; es strukturiert den Film in sieben Kapitel:

Was ich habe, will ich nicht verlieren, aber 
wo ich bin, will ich nicht bleiben, aber 
die ich liebe, will ich nicht verlassen, aber
die ich kenne, will ich nicht mehr sehen, aber 
wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber
wo ich sterbe, da will ich nicht hin: aber 
bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin.

Das Gedicht trifft überrumpelnd präzis den Ton des ganzen Films und - natürlich! - den Grundgestus der Poesie und der Befindlichkeit des Schriftstellers und Filmemachers Thomas Brasch. Es ist eine geradezu dogmatische Obsession für die Dialektik. Was, wie sich denken lässt, nun mal nicht gut zusammengeht: dogmatisch und Dialektik.

Die Struktur des Films ist nicht einfach eine Biografie, obwohl sie sehr direkt dem dramaturgisch überaus ergiebigen Lebensweg folgt. Es ist eher eine dialektische Liebeserklärung - „Lieber Thomas“ eben...
Des Künstlers Sehnsucht nach einem Land, das die Deutschen nicht zuwege brachten, auch trotz deutlichster historischer Rauchzeichen, die sie nicht lesen konnten und wollten. Zwischen hochgradig sensibel bis verbissen blieben Brasch da nur wenige Umwege, Auswege und Optionen. Er musste vermutlich so kollidieren, wie es dann immer wieder geschehen ist. 
Das war dann wohl auch eine Herausforderung für die Filmemacher, diesen besonderen Menschen nicht in Klischees zu verorten. Und es ist ihnen gelungen.

Drehbuchautor Thomas Wendrich:
„Die filmische Annäherung an Thomas Brasch ist für mich zuerst eine Annäherung an die Zeit gewesen, in der er gelebt hat. Wir legten unseren Fokus auf in unseren Augen entscheidende Phasen dieses Lebens. Man muss eine Auswahl treffen, sonst muss man in einem Film zwangsläufig an einem monolithischen Riesen wie Brasch scheitern. Wir interessierten uns für die Periode, in der er ein Dichter wird, in der er Mauern, die ihn umgaben, einreißt.“

Regisseur Andreas Kleinert:
„Braschs Leben ist von barocker Fülle und Komplexität geprägt. Thomas ist ein schwieriger, widersprüchlicher Mensch. Wir sehen einen Mann, der offensichtlich ein pralles Leben mit vielen Erlebnissen und Ereignissen hat. Der immer intensiv und extrem ist, in seinem Leben, in seinem Lieben, in seiner Arbeit. Er wollte nie so sein, wie andere ihn haben wollten. Unser Film will auch ausrufen: Lasst euch nicht vereinnahmen! Widerstand ist auch Lustgewinn.“

Keine Frage, auch die Besetzung eines solchen Films ist riskant. Ein faszinierender, jedoch durchaus nicht immer liebenswürdiger Held - da gibt es viel zu tun für den Protagonisten. Der heißt Albrecht Schuch. Man sah ihn unlängst in den Filmen wie SYSTEMSPRENGER, BERLIN ALEXANDERPLATZ und FABIAN.

Albrecht Schuch:
„Als ich zu Beginn der Vorbereitung täglich um die 300 Seiten gelesen habe, befand ich mich in einem ständigen Wechselbad der Gefühle. Himmel auf Erden einerseits, so eine massive, vielschichtige Persönlichkeit spielen zu dürfen. Größte Angst andererseits, dem nicht gerecht werden zu können. Ich habe keinen Anfang und kein Ende gesehen. Die größte Schwierigkeit für mich war, mich von diesem Bild zu lösen, das ich selbst von Brasch hatte und von ehemaligen WeggefährtInnen, die ich getroffen habe, gespiegelt bekam. Ich musste mich lösen von dem Gedanken: So war er! Das ist der Thomas Brasch! Nur so! Wenn ich mich davon nicht löse, kann ich ihn nicht spielen. Dann lastet auf mir so viel Wissen und Wahrheitsaberglaube, dass ich nur noch ersticke und gar nicht mehr loslegen und eine Spielfreude entwickeln kann. Das war schwer für mich... Jeder seiner Weggefährten und Partner weiß etwas anderes über ihn zu berichten, hat ein ganz eigenes Bild.“

Und das sagt die ebenfalls erfreulich stimmige Jella Haase (DAS PERFEKTE GEHEIMNIS, 2019). Sie spielt im Film Thomas‘ Lebensgefährtin Katarina - im wahren Leben die Schauspielerin Katharina Thalbach.

Jella Haase:
„Andreas Kleinert sagte mir: Thomas und Katarina sind Pioniere eines neuen Denkens. In ihrem Fordern, in ihrem Insistieren, in ihrem Wachsein. Ihr rebellischer Geist spricht ganz direkt zu uns. Unsere Film-Katarina ist ein Motor, jemand, der das Leben greift, der sich nicht verschränkt. Sie umarmt das Leben, sie kommt damit zurecht. Ihr Blick ist geerdet, sehr realistisch. Beide sind in ihrer Klugheit und ihrem Talent - sie als Schauspielerin, er als Autor - symbiotisch miteinander verbunden. Was lässt sich Besseres über eine Partnerschaft sagen: Sie motivieren und inspirieren sich gegenseitig, sie halten sich und sie streiten sich, sie hinterfragen und überprüfen ihre Haltung.“

In einer Familie jüdischer Emigranten wächst Thomas, als Sohn von Horst Brasch, einem hohen DDR-Funktionär auf, wird aber bald in die als Kaderschmiede gedachte Kadettenanstalt Naumburg gesteckt und hat dort prägende Erlebnisse mit den pubertären Gleichaltrigen. Später wird er Journalistik studieren und wegen „verunglimpfender und existenzialistischer Anschauungen“ exmatrikuliert.

Im Film sagt sein Vater einmal: „Es gibt Regeln, übertreib‘s nicht!“. Thomas‘ Antwort: „Übertreibung ist der Treibstoff der Fantasie!“
Und diese Fantasie kennt weiterhin keine Grenzen - befördert von der Unduldsamkeit des Vaters und den sich zunehmend verwirrenden Zeitläuften („Prager Frühling“ 1968) wird Thomas verhaftet und verurteilt. Er wird bald auf Bewährung entlassen und muss „an der Basis“ arbeiten. An Widersprüchen ist auch in der Folgezeit kein Mangel. Sein Buch VOR DEN VÄTERN STERBEN DIE SÖHNE (1977) wird nicht veröffentlicht, weil, wie ihm Erich Honecker persönlich erklärt, die Menschen in der DDR für seine Texte noch nicht „reif“ seien. Er stellt einen Ausreiseantrag und übersiedelt 1976 in die BRD - sein Kommentar im Film: „Mit dem Kopf durch die Wand in die Nachbarzelle“. 

Man erwartet dort den üblichen Dissidenten- und Diktatur-Talk von ihm. Aber Brasch liefert nicht und gerät weiterhin in Widersprüche. Ebenso wird auch sein Film über die Gladow-Bande (ENGEL AUS EISEN, 1981) widersprüchlich aufgenommen, denn Brasch sieht hier im Verbrechen eine letzte Chance gegen die Ungerechtigkeit. 2001 starb Brasch, viel zu früh, mit 56 Jahren. 

Der biografische Spielfilm LIEBER THOMAS ist ab 11.11.21 in den Kinos zu sehen.  

Philipp Teubner

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