SOUL & WOLFWALKERS - Zwei Animations-Meisterwerke

Wenn die Oscars vergeben werden, sind es oft die ernsthafteren Filme, die mediale Aufmerksamkeit bekommen - großen Dramen und bildgewaltige Epen. Die Filme, die in der Kategorie „bester Animationsfilm“ nominiert sind, finden da oft nur am Rande statt. Für viele ist Trickfilm auch gleichbedeutend mit Kinderfilm, dabei hat sich das Medium massiv weiterentwickelt. Grund genug, die zwei spannendsten Vertreter der diesjährigen Animations-Oscar-Auswahl genauer zu beleuchten - Soul gewann am Ende sogar zwei Oscars, sowohl für den besten Animationsfilm, wie für die beste Filmmusik.Man kann ihn man über den Streamingdienst Disney+ und seit Ende April auch auf DVD und Blu-ray anschauen. WOLFWALKERS gibt es exklusiv auf Apple TV+ zu sehen. Trotzdem lassen gerade so bildstarke Filme schmerzhaft das große Kinoerlebnis vermissen.

Seit kurz vor dem Jahrtausendwechsel der klassisch gezeichnete Trickfilm von der Computeranimation nach und nach verdrängt wurde und die wunderbaren Kunststücke des Pixar-Animationsstudios ein ganz neues Trickfilmgefühl kreierten, hat sich der digitale Animationsfilm als allgemein geschätzter Standard durchgesetzt. Als Kinderfilm, Actionspektakel - und in einigen Glücksfällen auch als poetisches, erstzunehmendes Kino. Und damit sind wir bei SOUL. In diesem modernen Meisterwerk geht es um Seelen, deren filmische Erschaffung ohnehin eine Herausforderung ist. Aber Pixar hat sich wieder einiges einfallen lassen... Allen voran Regisseur Pete Docter. Der war schon am Szenarium der ersten großen Pixar-Kreation TOY STORY (1995) beteiligt und inszenierte dann DIE MONSTER AG (2001), OBEN (2009) und ALLES STEHT KOPF (2015). Seine Geschichten sind geradezu prädestiniert für das Animations-Kino.

Pete Docter:
„Genau so sehen wir es auch. Ich denke, warum wir uns in die Geschichte verliebt haben, war, dass sie zu unserem Medium zu passen schien. Man kann das eigentlich nur als Animation machen - unser Medium bringt es auf den Punkt. Das war also eines der Dinge, die uns daran gereizt haben.“

Doch zunächst alles auf Anfang: da müht sich in New York ein enthusiastischer Jazzmusiker - Joe Gardner - im kläglichen Halbtagsjob mit einer Meute lernunwilliger Schüler im Schulorchester ab und träumt von einer respektablen Karriere als echter Jazzer. Just da bietet sich ein echter Gig bei einer berühmten Saxophonistin an. Das überraschende Angebot jedoch überfordert die erforderliche Aufmerksamkeit Gardners im Straßenverkehr, und so landet er unversehens am Gateway ins Jenseits, wo auf einer leuchtenden Einbahnstraße die Seelen irgendwohin himmelwärts driften. Lässt sich denken, dass dies nichts für einen Musiker vor dem großen Karrierestart sein kann - Joe stemmt sich also vehement gegen die vorgegebene Marschroute und es gelingt ihm: Er gerät ins „Davorseits“, wo ein mächtiger Quantencode jungfräuliche Seelen mit den nötigen Charaktereigenschaften fürs künftige Erdendasein und dem jeweils passenden Lebensfunken präpariert. Wenn die Animationen im „realen“ New York, was die Detailvielfalt betrifft, wiederum einen neuen Höhepunkt der Pixar-Kunst präsentieren, treiben die Filmemacher in den jeweiligen Welten des Films ein lustvolles Wechselspiel mit den visuellen Optionen - die „Davorseits-Mentoren“ (man hat bisher ja ohnehin noch keinen gesehen) müssen sich als verschnörkelte Ein-Linien-Figuren aus der barocken Kalligrafie gerieren, während die frischen Seelen eher wie blauleuchtende Zuckerwattebällchen daherkommen. Und eines dieser Seelchen - Nr. 22 - ist eine renitente Kreatur mit entsprechendem Eigensinn. Der Zwischenwelt-Joe soll Nr. 22 inspirieren und einen Lebensfunken vermitteln und dann selbst ins Jenseits verschwinden. Aber, wir ahnen es, er findet wiederum eine magische Hintertür und landet mit Nr. 22 direkt in einer verrückten Verwechslungs-Performance inklusive Therapiekatze, was man sich schon wegen der vielen schrägen Gags dann doch besser selbst ansehen sollte...

Natürlich wurde der gezeichnete Film vom Computer verdrängt, aber nicht abgeschafft. Denn zeitgleich mit SOUL gibt es endlich auch wieder einen handgefertigten Zeichentrickfilm: WOLFWALKERS. Die Regisseure Tomm Moore und Ross Stewart sind mit ihren vielfach preisgekrönten Filmen DAS GEHEIMNIS VON KELLS (2009) und DIE MELODIE DES MEERES (2014) in bester Erinnerung. Jetzt also eine Wolfs-Geschichte, die wiederum Anleihen aus der keltisch-irischen Folklore verarbeitet. Die beeindruckend stilvolle Ästhetik basiert ebenfalls auf klassisch irischer Kunst - dem „Book of Kells“ und Holzschnitten des 17. Jahrhunderts. Dazu kommt eine unaufdringliche, aber präzise Bezugnahme auf jahrhundertealte politische Probleme der Insel, auf den Widerspruch zwischen den kolonisierenden Briten und dem Freiheitsdrang der Bevölkerung. Der Lord Protector Cromwell will die wilden Iren zähmen und deshalb die Wälder um Kilkenny fällen und dabei alle Wölfe töten. Dafür ist Wolfsjäger Bill zuständig. Doch Bills Tochter Robyn lernt im Wald einen freundlichen Wolf kennen, der sich als Mebh, als „Wolfswandlerin“, offenbart. Ein seltsames rothaariges Mädchen, das mit den Wölfen lebt und die Wölfe wie die Menschen vor gegenseitigen Angriffen schützen will. Die ebenso dezent in eine spannende Geschichte gebettete ökologische Botschaft passt auch für uns, wo man gerade wieder dabei ist, die Wölfe zu verteufeln und die Zerstörung der Natur durch den Klimawandel voranschreitet.

Beide Filme fallen durch vorzügliche Soundtracks auf - In SOUL ist es eine reizvolle Mischung aus Jazz und ätherischen elektronischen Klangwelten. WOLFWALKERS Musik besteht aus klassisch keltischen Sounds und eindrucksvollen Songs - z.B. „Running with the Wolves“ - die glücklicherweise nicht, wie bei Animations-Filmen oft üblich, eingedeutscht wurden.

SOUL kann man über den Streamingdienst Disney+ und seit Ende April auch auf DVD und Blu-ray anschauen. WOLFWALKERS gibt es exklusiv auf Apple TV+ zu sehen. Trotzdem lassen gerade so bildstarke Filme schmerzhaft das große Kinoerlebnis vermissen. 

Dazu Regisseur Pete Docter:
„Ich habe das Gefühl, dass Film fast so etwas ist, wie einen Traum einzufangen. Wenn man im Kino sitzt und sich diese Dinge ansieht, weiß man einerseits, dass alles, was man sieht, fabriziert ist. Und selbst in einem Dokumentarfilm sind es Entscheidungen, die von jemandem getroffen werden, also ist es nicht das wirkliche Leben. Aber es fühlt sich so real an, dass ich sogar als Kind fast nervös war, bevor ich ins Kino ging. Weil man weiß, dass man an diese andere Realität glauben wird und was dort passieren könnte. Es ist wie ein Traum!“

Philipp Teubner
 

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