Berlinale-Kino – COURAGE

Zu den Hochglanzveranstaltungen der Berlinale gehören die Specials. Und dieses Mal lief dort auch ein sehr aktueller Dokumentarfilm zur dramatischen Situation im Sommer 2020 in Belarus.

Regisseur Aliaksei Paluyan wurde 1989 geboren und kennt seit seiner Kindheit nur einen Präsidenten: Alexander Lukaschenko. Paluyan kam 2012 nach Deutschland, studierte an der Kunsthochschule Kassel Film bei Professorin Yana Drouz und COURAGE ist sein Kino-Debüt.

Der Film ist frei von politischer Propaganda. Er versucht, die sogenannte „Masse“ der Demonstrierenden zu konkretisierten. Er konzentriert sich auf drei Mitglieder des Belarus Free Theatre (Maryna Yakubovich, Pavel Haradnizky und Denis Tarasenka) und ihre durchaus unterschiedlichen Ambitionen, Hoffnungen und Sorgen.

Aliaksei Paluyan:
„Ich wollte verstehen, ob es überhaupt möglich ist, in solch einem Land Schauspieler zu sein oder ist es eine Illusion, ein naiver romantischer Gedanke.

Denis wirkt nach außen sehr stark, hat aber tatsächlich viele Ängste. Bei Pavel habe ich gesehen, dass er sehr positiv ist, zuweilen sogar euphorisch, doch er hat eine tragische Geschichte. Oder Maryna - sie wirkt selbstbewusst, ist aber verletzlich und pragmatisch.
Über die Monate habe ich Vertrauen zu ihnen aufgebaut - inzwischen sind wir Freunde. Aber ihr Engagement hat Konsequenzen: Alle drei sind nicht mehr im Land - sie sind im Exil in Kiew“

Der Film hört seinen Protagonisten genau zu. Ihre Hoffnungen, ihre gelegentliche Ratlosigkeit wie ihr Optimismus geben uns ein nachvollziehbares, bewegendes und glaubwürdiges Bild von der realen Situation in Belarus.

Aliaksei Paluyan:
„2020 - diese Pandemie, die Wahl in Belarus und die Reaktionen in der Gesellschaft haben alles verschärft. Das hat diesen existenziellen Konflikt noch klarer, noch sichtbarer gemacht. Ich werde nie eine Aussage dieser Person vergessen, die sich seit 27 Jahren Präsident nennt und sich erlaubt hat, zu sagen: „Corona-Virus - wo gibts hier einen Corona-Virus? Ich sehe doch keinen Corona-Virus!“  Danach haben sogar die Menschen, die für ihn gestimmt haben, sein wahres Gesicht gesehen. Die Leute haben verstanden, dass sie allein gelassen sind. Dieses soziale Schaufenster, das Lukaschenko gebaut hatte, war zerstört. Die Leute haben angefangen, sich zusammenzufinden, selber Geld für Masken zu sammeln - das hat funktioniert. Und der Staat hat gesehen, wie es Menschen ohne Unterstützung vom Staat schaffen, sich zu engagieren. Dieses solidarische Zusammensein hat wiederum gezeigt: es ist möglich! Was kann schon gefährlicher für den Staat sein, als wenn er sieht, die Bürger können ohne ihn klarkommen.“

Die Filmemacher und „Protagonisten“ haben sich einem kalkulierten aber zunehmend unberechenbaren Risiko ausgesetzt. Was dachten Sie, als ihnen Aliaksei das Filmprojekt vorschlug?

Maryna Yakubovich:
„Er erzählte, dass er einen Dokumentarfilm über unser Theater drehen möchte und über uns im Theater. Natürlich sagte ich ja, weil wir nun mal nicht viele Möglichkeiten haben, über unsere Arbeit in der Öffentlichkeit zu sprechen. Zunächst machte ich mir keine Gedanken, dass es gefährlich werden könnte. Es war unser normales Leben und dann geschah alles sehr schnell...“

Der Alltag der Schauspieler bleibt im Film immer sehr konkret. Einer arbeitet, um überleben zu können, seit mehreren Jahren in einer Autowerkstatt, wir nehmen an der liebevollen Erziehung der Kinder teil oder sehen bei einem ungelenken Versuch zu, eine Wespe friedfertig aus dem Zimmer zu verweisen.

Natürlich erleben wir sie bei den Theaterproben, bei denen der Regisseur via Skype aus seinem Londoner Exil zugeschaltet ist und natürlich auf der Straße während der zahlreichen Demonstrationen und am Abend vor dem Staatsgefängnis. Es gibt immer die Frage: „Wie viele von uns können heute demonstrieren, damit bei den zu erwartenden Verhaftungen das Ensemble spielfähig bleibt?“

Der Zuschauer erlebt, wie die friedlichen Demonstrationen an Größe und Wucht gewinnen. Doch bald schlägt Lukaschenkos Spezialeinheit OMON zu und die Euphorie versinkt in Verzweiflung.

Aliaksei Paluyan:
„Im Theater bearbeiten sie diese Tabuthemen, diese gefährlichen Themen, die sich keiner auszusprechen traut. Diese Themen kamen mit den Künstlern auf die Straße. Das war für mich aufregend und ich habe verstanden, das ist das Konzept - diese Parallele vom Stück zur Straße. Wir haben den kompletten August fast jeden Tag gedreht und hatten einfach Glück, dass wir nicht verhaftet wurden. Ende August wurde es Zeit, das Filmmaterial in Sicherheit zu bringen und ich habe entschieden, Anfang November nach Berlin zu fliegen und mit der Arbeit am Filmschnitt zu beginnen.“

Mitte Juni, bei der Sommer-BERLINALE 2021, feierte COURAGE jetzt vor einem überaus bewegten Publikum seine Weltpremiere. 

Aliaksei Paluyan:
„Es gab viele Tränen, bei den Frauen und bei Männern auch - was mich sehr bewegt hat. Es gab Standing-Ovations. Swetlana Tichanowskaja (Bürgerrechtlerin und Präsidentschaftskandidatin) stand auf und mit ihr hunderte Menschen und es wurden 10 Minuten Standing-Ovation. Keiner wusste, was jetzt passiert - und diese Energie wuchs und wuchs. Das habe ich noch nie erlebt.“

COURAGE gibt es ab Juli deutschlandweit in den Kinos.
Philipp Teubner

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