BIS AN DIE GRENZE

Bereits zur Berlinale 2020 lief ein eindrucksvoller französischer Film - damals noch mit dem Originaltitel POLICE - der nun endlich seinen Weg in die Kinos findet. Exklusiv für das Heidekrautjournal sprach Philipp Teubner mit dem französischen Superstar Omar Sy und seiner 
Schauspiel-Partnerin Virginie Efira.

Die Inflation der Krimi-Serien, wie sie unser Fernsehen dominieren, zielt allgemein immer auf eine erfolgreiche Ermittlung. Die daran beteiligten Polizisten sind entweder Klischees, bestenfalls Typen, deren persönliches Befinden lediglich zur unterhaltsamen Füllung und Aufwertung der ewig ähnlichen Ermittlungsstücke dient. Aus Frankreich kommen aber gelegentlich etwas andere Polizeifilme, wie gerade der Berlinale-Film BIS AN DIE GRENZE, was im Übrigen ein sehr mehrdeutiger Titel ist.

Es werden drei Polizisten am Feierabend für eine Sonderaufgabe angefordert. Wegen Personalproblemen bei der eigentlich zuständigen Behörde sollen sie einen illegalen Einwanderer zum Abschiebeflug nach Tadschikistan geleiten. Das ist nicht ihr Job, sie haben zudem gar nicht die nötige Routine - und also wird die Fahrt mit dem unglücklichen Tadschiken eine Tour de Force für das Gewissen, den Mut und die Menschlichkeit der drei anscheinend sehr unterschiedlichen Beamten.

Für diese hat Regisseurin Anne Fontaine (COCO CHANEL - DER BEGINN EINER LEIDENSCHAFT, 2009) interessante Darsteller gefunden. Die junge Polizistin Virginie wird leise und behutsam von Virginie Efira gespielt. Sie hat, wie ihre Kollegen auch, ein heftiges persönliches Problem - am folgenden Morgen hat sie einen Termin für eine Schwangerschaftsunterbrechung, weil sie als verheiratete Frau von ihrem Kollegen Aristide schwanger ist. 
Aristide - gespielt von Omar Sy - ist nur scheinbar locker und cool. Er wird wegen seiner Tippfehler in den Berichten vom dritten Kollegen Erik (Grégory Gadebois) als schlampig beschimpft und er leidet unter psychischen Belastungen durch die Ausführung seines Jobs. Doch auch Erik hat seine Probleme: dessen Frau hat ihm nämlich gerade gemailt, er brauche gar nicht mehr nach Hause zu kommen, sie habe das Schloss bereits ausgewechselt.

Zumindest Omar Sy dürfte den Zuschauern spätestens seit ZIEMLICH BESTE FREUNDE (2012) absolut ein Begriff sein. Seither hat er in zahlreichen Filmen seinen Platz in der französischen und in der internationalen Filmszene behauptet und kann sich mit Intelligenz und Spielfreude die unterschiedlichsten Charaktere aneignen. Gerade erst spielte er die Hauptrolle im französischen Netflix Serien-Hit Lupin und 2022 kann man ihn im dritten Teil von JURASSIC WORLD erleben.

Vor der Fahrt zum Flughafen werden die drei en passant vorgestellt, und die Regisseurin hat dafür ein spezielles Gestaltungsprinzip gewählt. Bei ganz normalen Polizeieinsätzen werden manche Situationen wiederholt aber aus der Perspektive des jeweils anderen Kollegen gezeigt. Zudem nimmt sie sich Zeit für scheinbar beiläufige Momente, die aber den filmischen Erzählgestus enorm bereichern.

Omar Sy:
„Ich denke, dieser Film ist sehr präzise. Denn wir sprechen nicht über die Polizei und die Einwanderung im Allgemeinen und von oben herab. Dies hier ist ein genauerer Blick. Am Anfang des Films kann man erleben, dass sich unsere Regisseurin Zeit nimmt, um jede Figur ausführlich vorzustellen. Und erst dann gehen wir mit ihnen ins Auto, zur Abschiebung. Und da haben wir die Gespräche und den Streit darüber, was wir jetzt tun werden, ob das in Ordnung ist oder nicht. Was ist überhaupt unser Job und wie lautet der Auftrag? Und warum tun wir es? Es ist so persönlich und nah, als ob der Zuschauer daran teilnimmt, und es bringt einen dazu, darüber nachzudenken. Das ist gut gemacht und sehr klug, so darüber zu sprechen, weil es relevant für die heutige Zeit ist. Und ich denke, dieser Film bietet neue Art, das Thema zu betrachten.“

Im Auto liest Virginie unerlaubt in der Akte des Tadschiken, dass er in der Heimat gefoltert wurde und dass ihn dort möglicherweise der Tod erwartet. Eriks Reaktion: „Was Sie nichts angeht. Deshalb sind die Akten ja verschlossen!“ 
In der Folge wird jeder der drei Polizisten sich diesem moralischen Dilemma stellen müssen. Erwägungen und Reflexionen, denen sich auch der Zuschauer nicht verschließen kann.

Haben Sie schon von einem Fall wie diesen gehört?

Virginie Efira:
„Normalerweise ist es nicht die Aufgabe der Polizei, einen Asylbewerber zum Flughafen zu bringen, damit er abgeschoben wird. Und es ist auch gut, dass das eine andere Behörde ist.Tatsächlich hat mir noch niemand von so einem Vorfall berichtet und ich glaube auch nicht, dass es schon einmal solch einen Fall von Befehlsverweigerung in dieser Behörde oder bei der Polizei gegeben hat - leider.“

Omar Sy:
„Vielleicht ist das mal passiert, aber ich habe nie davon gehört. Allerdings hoffe ich, dass, auch wenn es nie passiert ist, einige Polizisten zumindest darüber nachgedacht haben und den Wunsch nach Insubordination verspürten. Ich hoffe es...“

Auch wenn die Protagonisten keinen konkreten Fall wie diesen kennen - die Regisseurin hat sich, wie sie sagt: „Von einem ganzen Geschwader aus Polizisten, Feuerwehrleuten, Sanitätern und anderen Fachleuten beraten lassen“, um diesen moralischen Grenzfall so authentisch wie möglich zu erzählen.

Virginie Efira:
„Zuerst ist da die Person, welche die Geschichte erzählt - die Regisseurin. Bevor eine Geschichte erzählt wird, ist immer die wichtigste Frage, wer die Geschichte erzählt und ich kenne die Arbeit von Anne Fontaine. Ich habe schon vor einiger Zeit einen Film mit ihr gemacht und es gefällt mir, worauf sie achtet. Der Film präsentiert die Sichtweise von drei verschiedenen Charakteren. Es ist eine ziemlich komplexe Betrachtung dessen, was in ihren Köpfen vor sich geht. Und es gibt keine einfache Erklärung, was gut und was böse, was richtig oder falsch ist. Das ist es, was mich an diesem Projekt gereizt hat.“

Wie sich nun jeder von den drei Polizisten entscheidet und verhält, kann hier natürlich nicht erörtert werden. Die Haltung der Polizisten kulminiert im Laufe der Fahrt und wird immer konkreter und der Entfaltung der Charaktere viel Platz eingeräumt. Der Film gesteht ihnen eine Komplexität zu, die den Zuschauer überrascht.

Omar Sy:
„Wenn man Aristide oberflächlich betrachtet, sieht man wahrscheinlich einen sexistischen Polizisten. Doch wenn man sich die Zeit nimmt, zuzusehen und zuzuhören, bemerkt man, dass es nicht so einfach ist. Er versteckt den Schmerz aus seinem Alltag und den tagtäglichen Erlebnissen im Dienst. Die Uniform zu tragen, ist nicht immer so einfach…“

Virginie Efira:
„Die Situation ist in Frankreich sehr aufgeladen, was allerdings nichts entschuldigt. Die Polizei steht im Dienst der Öffentlichkeit - „service public“. Und in der Tat gibt es beide Arten von Polizeibeamten: die, die ihr Leben riskieren, das sind echte Helden. Aber wir haben auch Vorfälle von extremer Gewalt durch die Polizei erlebt. Man muss also den gesellschaftlichen Kontext im Auge behalten, nachdenken, und natürlich müssen wir die Situation verbessern.“

Omar Sy:
„Es ist natürlich nur meine Meinung, aber ich denke, zwischen ‚Mensch sein‘ und die Uniform tragen, ist es schwierig ein richtiges Gleichgewicht zu finden. Nur eine Seite kann gewinnen, und wenn das passiert, verschwindet die andere. Du weißt, dass du kein Polizist mehr bist, wenn du ‚du selbst‘, wenn du Mensch bist. Und du kannst nur schwer ‚du selbst‘ sein, wenn du Polizist bist. Ich habe das auch in meiner Karriere als Schauspieler immer wieder erlebt: Bin das noch ich oder ist das eine Rolle? Es ist kompliziert!“

Dieses ethische Dilemma ist nicht spezifisch französisch - wir erinnern uns daran, dass in Deutschland noch kürzlich Asylanten in das „sichere“ Abschiebeland Afghanistan abgeschoben wurden. Mit der Dauer dieser beklemmenden Fahrt zum Airport wächst, bzw. zeigt sich das Empathiepotenzial der drei Polizisten - und, es ist zu vermuten, auch das der Zuschauer.

Philipp Teubner

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