Das deutsche Schulsystem

Eine Einschätzung zur Situation der schulischen Bildung in Deutschland nach einem Jahr Corona-Pandemie von Oskar Krüger, digital Native und angehender Lehrer mit Fokus auf Politikwissenschaften. 

20,8 Milliarden Euro. Das ist die Summe, die die Bundesregierung dieses Jahr voraussichtlich in Bildung und Forschung investieren wird. 20,8 Milliarden, eine schier gigantisch erscheinender Betrag. Welche Möglichkeiten damit doch ausschöpfbar sein müssten! Möglichkeiten, um in diesem Land des Fortschritts ein gerechtes und modernisiertes Schulsystem zu etablieren.  Schließlich verdienen die heranwachsenden Generationen, die Kinder, die Leistungsträger von morgen allen Raum zur Selbstverwirklichung, oder? 

20,8 Milliarden Euro also, die, schaut man einmal genauer hin, nur einen Bruchteil des Gesamtbugets des deutschen Haushaltes darstellen.  Gerade einmal knapp vier Prozent, um genau zu sein. Ein lächerlicher Bruchteil einer gigantischen Menge, die da jährlich geradezu verschwendet zu werden scheint, blickt man auf die desolaten Zustände unseres Schulsystems. 

Zugegeben, über 30 Prozent der Gesamtsumme fließt direkt ins Ministerium für Arbeit und Soziales und sorgt damit für das Bestehenbleiben unseres Sozialstaates. Sichert Renten und stützt Bedürftige. Auch die Corona-Unternehmenshilfen sollen dieses Jahr einen beachtlichen Teil des Etats schlucken, was angemessen erscheint. 

Doch rechtfertigen Pandemie und Sozialstruktur allein die mageren Fördermittel für Lehrstellen aller Art? Wohl kaum.  Schließlich ist auch für Verteidigung noch genug Geld vorhanden. 47 Milliarden Euro erhält das Verteidigungsministerium. Damit wird das stehende Heer durchgefüttert, Kasernen ausgebaut und vor allem Waffen gekauft. 

Krieg ist natürlich eine Goldgrube und deutsche Waffenproduzenten lecken sich neben menschenrechtsfeindlichen Exporten in destabilisierte Dritte-Welt-Länder auch nach dem deutschen Etat gierig die Finger. Und wenn sich der durchschnittliche Steuerzahler nun fragt, ob er für jeden abgegebenen Euro, der in die Bildung seiner Kinder fließt, auch zwei in hochmoderne Waffen investieren möchte, die irgendwo hinterm Sonnenaufgang auf - Achtung polemisch - Frauen und Kinder gerichtet werden, so sei ihm hier versichert, dass nicht einmal diese Rechnung aufgeht. 

Denn von den mickrigen vier Prozent, die dieses Land für seine Bildung übrig hat, geht gerade einmal ein Viertel in die sogenannte „Leistungsfähigkeit Bildungswesens, Nachwuchsförderung“. Der gesamte Rest und damit Löwenanteil fließt in Posten mit geschwollenen Namen wie „Hightech-Strategie“ oder „Wettbewerbsfähigkeit des Wissenschafts- und Innovationssystems“. Subventionen, die die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Konzerne sichern sollen und somit dem offenbar allem übergeordneten Interesse in die Karten spielen: dem Profit. 

Aber irgendwie wissen wir das ja längst. Konzentrieren wir uns also auf das Viertel der vier Prozent, das dann doch hoffentlich in die Bildung unserer Kinder fließt, oder? Ja, das tut es, sogar nahezu vollständig. Also zumindest, wenn man die 50 Prozent mit einrechnet, die für BAfÖG und „Sicherung von Ausbildung“ abgezweigt werden. Zugegeben, meine BAföG-Bezüge haben mich schon das eine oder andere Mal am Ende des Monats durchgefüttert. Und natürlich gibt es Studiengänge, die derart komplex sind, dass von den Studierenden kaum das Ergreifen einer Nebentätigkeit erwartet werden kann. Auch hat bei weitem nicht jeder finanzielle Unterstützung aus dem Elternhaus zu erwarten und die Mieten in den Universitätsstätten (um nicht nur Berlin zu nennen) steigen bekanntlich rasant. Auch der Fachkräftemangel ist ein Problem und es ist gut, wenn die Betriebe Anreiz erhalten, ihre Pforten für Lernwillige zu öffnen, ohne sie mit einem Hungerlohn abspeisen zu müssen. Aber mich interessiert heute weder die Ausbildung zum Akademiker noch zum Handwerker. 

Ich möchte mich der Grundlagenbildung zuwenden, die ein jedes Kind in diesem Land per Gesetz durchlaufen muss. 

Denn es existiert eine Schulpflicht in Deutschland. Jedes sechsjährige Kind muss für zehn Jahre die Schulbank drücken. Ob es am Ende dieser Zeit einen Abschluss in der Hand hält oder ihm während seiner Laufbahn als Schüler alle Türen offen gehalten, alle Möglichkeiten zur Entfaltung gegeben werden, steht auf einem anderen Blatt. Zieht man wohlwollend rechnend alle Posten, deren Aufgabe genau dieses Thema ist, zusammen, kommt man knapp 15 Prozent des Gesamtetats. Also 15 Prozent von einem Viertel von vier Prozent. Also 0,15 Prozent. 

Donnerwetter! Da wird ja ordentlich investiert. Die Zukunft ist gesichert. Wir fassen uns am besten direkt alle an den Händen und singen im Morgenkreis zur Musik aus unserer Hightech-Surround sound-Anlage das Morgenkreis-Lied. Nur leider gibt es keinen Morgenkreis mehr, weil der einzige Raum, dessen Teppichboden ein Kreissitzen zulassen würde seit zwei Jahren dank Schimmelbefall dringenden Renovierungsbedarf aufweist. Außerdem gibt es keine modernen Lautsprecher, sondern nur abgespeckte Retro-Technik aus Teilungszeiten, die jedes Kinderlied entweder zu einem Trauermarsch oder zum Stück aus der Geisterbahn verzerren. Und sowieso ist die Lehrerin, die den Musikunterricht leiten sollte, seit zwei Monaten burn out-bedingt krankgeschrieben, weil sie der dreißigköpfigen Meuten alleine nicht Herr werden konnte. 

Aber immerhin gibt es eine einige Hände voll unbequemer Plastikstühle, ein paar laut surrende Neonleuchten, eine Tafel und manchmal sogar Kreide. Perfekte Utensilien für die pensionsreife Vertretung, ihre Schützlinge auf die Wirren des globalisierten Lebens, die Brutalität des Arbeitsmarktes oder am besten direkt auf das Ausfüllen von Hartz-IV-Anträgen vorzubereiten. 

Am Gipfel dieser polarisierten Darstellung muss ich nun innehalten, um den Argumenten der Gegenseite etwas Raum zu lassen.

 Denn natürlich ist nicht alles schlecht. In den letzten Jahrzehnten sind diverse alternative Schulformen getestet und etabliert worden. Ich selbst genoss die Ausbildung an einer Montessori-Grundschule. Das Konzept, weg vom Frontalunterricht und hin zum selbstständigen Lernen mag beim Ausbilden persönlicher Talente vielversprechender sein als die gängigen Konzepte, etabliert demokratische und solidarische Grundideen und stärkt die Fähigkeit zur Strukturierung und Organisation. Nichtsdestotrotz wurden einige Jahre nach meinem Abgang bei starken sommerlichen Regenfällen, die oberen Stockwerke überschwemmt und Klassenräume und unzählige Arbeitsmaterialien verwüstet. 

Es fehlt also nicht an ambitionierten Ideen, das Schulsystem zu Gunsten der Schüler zu reformieren. Es fehlen die Mittel. Sei es, um baufällige Gebäude zu sanieren, Lernmittel zu beschaffen oder kleinere Klassen und homogene Lerngruppen zu ermöglichen. 

Bildung ist Ländersache. Und das ist deutlich spürbar. Nicht nur, dass das föderale System das Vergleichen der erbrachten Leistungen erschwert. Die wohlhabenderen Bundesländer ermöglichen durch einen größeren Investitionsspielraum ihren Schülern einen Vorteil gegenüber den - in den PISA-Studien zur Überprüfung des Leistungsstandes meist schlechter abschneidenden – weniger wohlhabenden. 

Zu Zeiten der Pandemie ist dies prägnanter denn je. 

Die digitalen Lernräume, die den Heranwachsenden Bildung auch von Zuhause ermöglichen sollten, erfordern sowohl Internetanschluss als auch ein geeignetes technisches Gerät. So sie denn funktionieren. Die Server, die beispielsweise der Berliner Senat für die Beschulung im Lockdown bereitgestellt hat, konnten die Menge an Anfragen kaum bearbeiten. Es kam zu Abstürzen und Komplikationen. Selten konnte der Unterricht wie geplant stattfinden. Außerdem wird auch hier die Schere zwischen Arm und Reich zum Problem. Nicht jede Familie kann ihren Kindern die nötigen Hilfsmittel zur Verfügung stellen, noch wenigere täglich ihre Präsenz im digitalen Klassenzimmer garantieren. 

Das Land sah kaum Handlungsbedarf. Weder wurden Raumluftfilter, noch Tablets oder Laptops im ausreichenden Maße zur Verfügung gestellt. Das Angebot, was es gab, war lächerlich. Schulen mussten lange bürokratische Prozesse durchlaufen, an deren Ende ihnen ein einzelner Filter oder eine Handvoll Tablets zugeteilt wurden. Natürlich nicht ansatzweise genug, um allen Schülern eine gerechte Lerngrundlage zu garantieren. Und so sahen sich die Schulen gezwungen, bei Minusgraden die Fenster der Klassenräume geöffnet zu lassen, währen in zerstückelten Klassen mit Maske und Schnelltest jegliche funktionale Lernatmosphäre verloren ging. 

Ich habe von Gemeinden gelesen, in denen die Eltern aktiv geworden sind und in Eigeninitiative Luftfilteranlagen erworben und Betreuungspläne entwickelt haben. Chapeau, werter Steuerzahler! Da ist doch die Lösung! Die Bildung des Nachwuchses einfach selbst in die Hand nehmen. Nicht über sozialer Ungerechtigkeit den Mut verlieren. Die eigene finanzielle Not kann wohl kaum schlimm genug sein, um dem gebeutelten Staatsapparat nicht wenigstens diese simple Aufgabe der Zukunftssicherung abzunehmen.  
Aber vielleicht ist diese Asymmetrie ja auch gewollt. Schließlich gibt es unzählige Studien, die erheben, dass Kinder aus Unterschichtsfamilien kaum Möglichkeiten haben, die familiäre Armut zu durchbrechen. Und im Kapitalismus muss bekanntlich auf globaler, wie nationaler Ebene die breite Masser arm sein, damit einige Wenige ihren Reichtum stetig mehren können. Warum also denjenigen helfen, die ihren Schützlingen nicht die Bildung zukommen lassen können, die sie verdienen? So wird bereits beim Heranwachsen der nächsten Generation das Fortbestehen des Systems gesichert. Erstaunlich ist nur, dass noch nicht einmal versucht wird, diese Tatsache zu verschleiern. Die oben genannten Zahlen sind allesamt frei zugänglich auf den Internetseiten der Bundesregierung einzusehen. 

Schlussendlich liegt es wieder einmal an der Bevölkerung, den Umschwung herbeizuführen. Die Machthabenden haben offensichtlich ihr eigenes Wohl vor das der Massen gestellt. Ob es einen Bumerang-Effekt geben wird, bleibt abzuwarten. Dass sich in Zukunft der Fokus hin zu einem funktionalen Schulsystem verlagern wird, wünsche ich mir jedoch sehr. Den Kindern zuliebe. 

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