DER DOPPELTE NIEWÖHNER

Jannis Niewöhner ist gleich in zwei Filmen aktuell im Kino zu sehen. Zwei Mal die Hauptrolle, zwei Mal der Verführer: In FELIX KRULL als charmanter Hochstapler und in JE SUIS KARL als Leitfigur der Neuen Rechten. Exklusiv für das Heidekrautjournal sprach Philipp Teubner mit Jannis Niewöhner.

Jannis Niewöhner ist kein Newcomer - der Sohn eines Theatermannes startete schon als Zehnjähriger seine Filmkarriere. Nach zahlreichen Jugendfilmen wurden die Angebote immer anspruchsvoller und nach seiner Rolle als Timo in 4 KÖNIGE war er 2015 European Shooting Star der Berlinale. In diesen Tagen kann man ihn also gleich in zwei bemerkenswerten Filmen erleben.

Thomas Manns geistreich-witziger Roman BEKENNTNISSE DES HOCHSTAPLERS FELIX KRULL von 1913 wurde schon mehrfach erfolgreich verfilmt - jetzt kommt also eine aktuelle Filmfassung von Detlev Buck in die Kinos, und es ist klar, dieser Stoff steht und fällt mit der Besetzung der Hauptrolle. Bei Kurt Hoffmann war es 1957 Horst Buchholz - heute gibt Jannis Niewöhner diesen charmanten Filou und er hat es gepackt!

Kann es sein, dass Hochstapelei ein Zeitgeist-Thema ist?

Jannis Niewöhner: „Auf jeden Fall ist FELIX KRULL ein Zeitgeistthema - wir sind ja alle kleine Hochstapler. Es findet Selbstinszenierung statt, man passt sich an das Gegenüber an und gibt den Menschen, das was sie wollen. Das ist auch eine kleine Form der Hochstapelei. Wenn man an die sozialen Medien denkt, an die Möglichkeiten, die wir haben, uns als etwas zu verkaufen. Und auch in der Politik ist Populismus ein aufkommendes Thema. Und die Leute lassen sich leicht verführen.“

Thomas Manns Sprache ist zwar überaus vergnüglich, aber für den Film sicher nicht eben einfach?

Jannis Niewöhner.: „Ich hatte großen Respekt davor - und auch Angst, weil ich das so noch nie gemacht habe, mit dieser Art von Text noch nie konfrontiert war. Ich habe Sprachunterricht genommen und mich mit einem Coach vorbereitet und habe natürlich auch in den Proben mit Buck und den anderen gemerkt, welche Melodie liegt in der Sprache, was ist zu viel, was ist zu wenig. Wie kann man diese Sprache lebendig machen? Das war die größte Herausforderung.“

Ein Highlight der Geschichte und des Schauspielers Horst Buchholz im Hoffmann-Film ist die legendäre Musterungsszene, die auf eigenen Erfahrungen Thomas Manns zu seiner Dienstuntauglichkeit im Ersten Weltkrieg basiert. Wie habt ihr das für euch gelöst?

Jannis Niewöhner: „Das war einfach die Idee, noch einen Schritt weiterzugehen und den Zuschauer, der das Werk von Thomas Mann kennt, zu überraschen.“

Thomas Manns Felix sieht sich als „Vorzugskind des Himmels“...

Jannis Niewöhner: „Das würde ich so absolut auch für mich als Beschreibung finden, weil ich einfach sehr viel Glück hatte durch die Art und Weise, wie ich ins Leben starten konnte. Der Boden, der mir gegeben wurde durch meine Familie, das ist da und war gut, und es hilft mir bei allem, was mir begegnet.“

Tom Schilling:
„Also ich hatte am Anfang so ein bisschen Schwierigkeiten, da einen Zugang zu haben. Ich merke manchmal, wenn ich das Drehbuch lese: Ich weiß nicht was der denkt? Steht ja auch nicht im Drehbuch! Aber als Schauspieler muss ich wissen, was die Figur denkt! Manchmal habe ich das sofort - und manchmal ist das eben ein bisschen Arbeit. Dominik Graf war aber so überzeugt davon, dass ich das machen muss, dass wir lange darüber gesprochen haben - und dann gab‘s auch andere Aspekte, die ich für mich ganz wichtig fand. Ich wollte nämlich immer einen sehr, sehr melodramatischen Liebesfilm machen. Und das ist es halt auch geworden.“

Fabians Freundin und Geliebte Cornelia, die unbedingt Filmstar werden möchte, wird gleichermaßen souverän von Saskia Rosendahl (LORE, 2012) gespielt.

Saskia Rosendahl:
„Ich brauchte da gar nicht viel einzubringen - die Cornelia hat wahnsinnig viele Facetten. Sie ist superlebendig in ihrer Art, und in der Art und Weise, wie man sie beobachten darf. Sie ist einfach wahnsinnig stark, konsequent, mutig, modern und vielschichtig. Sie weiß einfach, wo sie hin will, und das macht sie sehr schnell klar. Ich finde auch, dass sie ein sehr warmer Mensch ist und sehr faszinierend in ihrer Unbedingtheit. Sie weiß, dass sie durch den Dreck muss und weiß auch, was das für ein Dreck ist. Sie wird es machen, sie wird‘s ausprobieren - sehr spannend!“

Dritter im Bunde ist Labude, bester Freund Fabians und Sohn eines reichen Anwalts. Er steht kurz vor seiner Promotion über Lessing und verzweifelt zunehmend am Alltag, in dem der braune Pöbel zunehmend das Straßenbild bestimmt. Labude wird vom gerade zweifach mit dem Deutschen Filmpreis ausgezeichneten Albrecht Schuch (SYSTEMSPRENGER, 2019) gespielt.

Regisseur Dominik Graf hat sehr viel richtig gemacht. Er hat vor allem nicht auf die verbrauchten Film-Klischees der „Goldenen Zwanziger“ gesetzt, sondern einen eigenen und sehr stimmigen Ton erarbeitet. 

Saskia Rosendahl:
„Das fühlt sich Null historisch an - es hat natürlich auch mit gewissen Parallelen zu tun - ob das nun das Zeitgeschehen ist oder so... Das war einfach sehr simpel gehalten - im Sinne von „ehrlich“. Es hat wahnsinnig geholfen, sich da hineinzufinden.“

Felix Krull sagt einmal: „Wenn man arm ist, darf man sich unter keinen Umständen an die Armut gewöhnen“

Jannis Niewöhner: „Für Krull besteht ja der Sinn und die Freude des Lebens in ständiger Abwechslung, das sozusagen nie etwas so bleiben wird, wie es gerade ist und man sich auf Neues einlassen muss. So würde ich das sehen - aber natürlich, er spielt ohne Regeln oder nach seinen eigenen.“

Auch nach eigenen, aber ganz anderen Regeln spielt Karl in Christian Schwochows Film JE SUIS KARL. Es ist die Geschichte über den Versuch einer Machtergreifung der europäischen Neuen Rechten.

Wer ist dieser eloquente Karl?

Jannis Niewöhner: „Karl ist ein junger, gebildeter, redegewandter Mann, der sich sehr gut mit den Menschen verbinden kann, der die Menschen von seiner Sache überzeugen und sie in seinen Bann ziehen kann. Einer, der in der Lage ist, immer die Bedürfnisse seines Gegenübers gut zu verstehen, um sie für seine Zwecke zu nutzen. Ein manipulativer Mensch!“

Als FELIX KRULL durftest du sehr viel lügen und sehr viel lächeln - hier darfst du noch mehr lächeln, aber es hat etwas Teuflisches…

Jannis Niewöhner: „Es ging für uns einfach darum, zu verstehen, wer er ist. Wir hatten eine Biografie zu Karl, die wir aber im Film nicht erzählen wollten. Es sollte eine Figur sein, die nicht wirklich greifbar ist. Ich hatte da für mich auf jeden Fall meinen Plan. Die Hauptfrage, die der Film stellt, ist: Was passiert mit uns, wenn uns der Boden unter den Füßen weggezogen wird? Wie gefestigt sind wir in unseren Wertvorstellungen, mit unserer Moral? Was für eine Figur braucht es, um uns zu vereinnahmen und für seine Zwecke zu benutzen?

Es sind inzwischen sehr kreative Menschen am Start, die in der rechts-extremen Ecke unterwegs sind. Daraus entstand ja auch die Idee, eine Geschichte zu erzählen, die fragt: Wie wird sich Rechtsextremismus weiterentwickeln? Die neue Rechte lernt dazu, besonders, was das eigene Erscheinungsbild angeht. Die sind wahnsinnig freundlich - Rechtsradikalismus nett vorgetragen... Man fühlt sich wohl, da sind Leute mit Dreadlocks, sie liegen sich in den Armen und es wird ein softer Song vorgetragen. Man begegnet vielen Dingen, die man niemals mit Rechtsextremismus verbinden würde. Und genau darum geht es denen natürlich und das macht es so gefährlich.“

Hast Du für diese Rolle recherchiert?

Jannis Niewöhner: „Ja, es geht ja immer darum, dass man dem was man erzählt, so nah wie möglich kommt. Man musste auch gucken, was sind die Argumentationsmuster dieser Neuen Rechten. Wie reden die mit den Leuten, wie kriegen die sie auf ihre Seite. Da gibts natürlich viel Videomaterial aber auch Bücher von ihnen und über sie.“

In der politischen Auseinandersetzung wird heutzutage oft behauptet, dass es gar kein Rechts und Links mehr gibt - und auch Karl argumentiert so…

Jannis Niewöhner: „Das ist ganz klug von ihm, weil er eben sagt: Lass uns das doch erst mal alles wegwerfen, lass doch erst mal das Rechs-Links. Lass doch erst mal schauen, was wollen wir, was ist uns wichtig! Lass uns keine Angst haben, dass wir als zu rechts wahrgenommen werden. Danach gehen wir - und nicht, ob andere uns dann für rechts oder links halten.“

Der Film beginnt mit einem Terroranschlag in Berlin, dessen Schockwelle sich im Laufe der Geschichte auf ganz Europa ausdehnt - und Karl ist das Zentrum von all dem.

Jannis Niewöhner beweist in diesen zwei Filmen eine große schauspielerische Bandbreite: So wie er als Felix Krull sympathisch unterhält, will er uns als Karl das Fürchten lehren. Mit dieser Hauptrolle in „Je suis Karl“ ist er für den Deutschen Filmpreis nominiert.
Philipp Teubner

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