Impfen in einer Brandenburger Hausarztpraxis

Von Dr. Marita Kalinowski, Fachärztin für Allgemeinmedizin

Es ist noch keine 6.30 Uhr am Morgen. Die Helfer:innen schließen die Praxisräume auf, lüften, fahren die Computer hoch, füllen Materialien nach, prüfen Geräte. Rasch noch ein Blick in die Mailbox: ganz überwiegend sind es Anfragen zu Impfungen: eigene Patient:innen, aber auch Unbekannte und junge Menschen, die bisher keine Hausärzt:innen brauchten, aber nun auf eine übrig gebliebene Dosis Impfstoff hoffen. Das Telefon steht ab 7Uhr nicht mehr still. „Impfen sie gegen Covid?“ „Kann ich mich auf Ihre Warteliste setzen lassen?“ „Ach so, nur Astra? “

Wir sind das, was man eine ganz normale Hausarztpraxis nennt. Wir behandeln Durchfälle und hohen Blutdruck, kümmern uns um Stresssymptome und besuchen Bettlägerige zu Hause. Und natürlich impfen wir auch, z. B. alljährlich gegen Grippe. Das geht so nebenbei: ein paar Worte zu den Nebenwirkungen, die Fertigspritze aus dem Kühlschrank geholt und schon war man für eine Saison geschützt. 

Doch ganz so einfach geht es mit dem Schutz gegen Covid 19 nicht. Das liegt zum einen an den Impfstoffen selbst, die eine Art „Spezialbehandlung“ erfordern. Die Impfstoffe müssen in der Praxis vorbereitet werden, einige müssen mit Kochsalzlösung verdünnt werden. Alle sind vor der Injektion auf Spritzen aufzuziehen und sind dann nur wenige Stunden haltbar, d. h. sie müssen dann auch verimpft werden. 

Die Impfstoffe können wir nur noch über die Apotheke bestellen. Das groß angelegte Projekt „Pilotpraxis“ mit den erhofften großen Impfstoffmengen über das Land Brandenburg musste schon nach 6 Wochen begraben werden. Zugesagte Termine konnten wegen ausgebliebener Lieferungen nicht realisiert werden. Frustration auf allen Seiten. Der Zuständigkeitswechsel vom Gesundheitsministerium zum Staatssekretär des Innenministeriums brachte keine erkennbare Besserung. Auch jetzt erhalten wir nur einen Bruchteil der bestellten Impfmengen. Das erfahren wir erst wenige Tage vor Lieferung. Zuverlässige Planungen sind dadurch nicht möglich. Die Telefone klingeln weiter ununterbrochen, auf Mails zum Thema Impfen können wir nicht antworten. Die Mitarbeiter:innen stehen vor dem Burnout, denn der ganz normale Praxisbetrieb mit Durchfall, Blutdruckeinstellungen und Stresssymptomen geht weiter. 

Dazu ein überbordender bürokratischer Aufwand, der medizinisches Personal verzweifeln lässt und Ärzt:innen sich fragen, warum es in anderen Ländern so viel schneller geht.
Um den normalen Praxisbetrieb nicht ins völlige Chaos zu stürzen, wird mittwochs und freitags nach der Sprechstunde so lange geimpft, bis alle Dosen verbraucht sind. Vorher müssen die Impfwilligen sechs DIN A4 Seiten gelesen haben: Aufklärung, Anamnese, Einwilligungserklärung. Die meisten wissen aus den Medien gut Bescheid, trotzdem fehlt regelmäßig mindestens eine Unterschrift, manchmal beide. Und immer erfolgt noch einmal die ausführliche mündliche Aufklärung, insbesondere, wenn sich Jüngere mit dem AstraZeneca Impfstoff impfen lassen möchten, der nur für über 60jährige zugelassen ist. 

Der Pieks geht fix und viele merken nix. 

Auch die Nebenwirkungen halten sich in Grenzen. Die bevorstehende Aufhebung der Priorisierung, Reiseerleichterungen und sonstige Privilegien im Alltag der Geimpften nehmen vielen Gegner:innen die Impfvorbehalte und die Wartelisten werden noch länger, die Mailbox noch voller und die Überstunden noch mehr. Trotzdem würden wir mehr impfen in der Hoffnung, wieder die gewohnte Normalität zu leben. 
Inzwischen sind in Brandenburg mehr als 10% der Bevölkerung vollständig geimpft, der Sommer naht und wir können hoffen und vielleicht bald zurückblicken auf eine Pandemie, die keiner von uns kannte und aus der wir alle gelernt haben. 

Wir wissen auch, dass uns weit größere Herausforderungen als die Bewältigung einer Pandemie bevorstehen. Die drohenden Klimaveränderungen werden nicht nur unser aller Gesundheit schädigen, sie werden unser gesamtes Lebensumfeld verändern. Im Gegensatz zur unerwarteten Pandemie wissen wir bei den Klimaveränderungen viel genauer, was uns erwartet und wir wissen, wie wir unser Verhalten anpassen müssen (Fahrrad statt Auto, Bahn statt Flug, Gemüse statt Fleisch, etc.). Doch wir sind träge und so lange die Angst nicht anklopft, bleiben wir bequem. Und Politik verhält sich wie wir - langsam und schwerfällig. Da bleibt nur die Hoffnung auf einen politischen Wandel nach den Wahlen: Digitaler, unbürokratischer, zielgerichtet und ohne Zeitverluste. 

Dr. Marita Kalinowski 
Fachärztin für Allgemeinmedizin

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